Prof. Dr. Francisca Loetz


«Den Reiz des Frag-Würdigen erfahren.»

Gruppenbild Historikerinnenteam 11
Foto Jürg Staufer
Im Auftrag des Zoologischen Museums UZH.

Professorin | Allgemeine Geschichte der Neuzeit | Historikerin

Laufbahn

1980 – 1986 Studium der drei Hauptfächer Geschichte, Anglistik, Romanistik an den Universitäten Heidelberg, University of Kent at Canterbury und King's College, Cambridge.
1986 - 1987Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris) Postgraduiertenstudium im Fach Geschichte
1986 1. Staatsexamen in Anglistik, Geschichte an der Universität Heidelberg.
1987D.E.A. ("diplôme d'études approfondies) an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris): „Les pratiques privées de la maladie en France au XVIIIième siècle“
1987 1. Staatsexamen in Romanistik
1992Promotion an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Heidelberg: „Der Prozeß der Medikalisierung: Heilkunde, gesundheitspolitische Programme und soziale Wirklichkeit in Deutschland. Das Beispiel Baden 1750-1850“
2000Habilitation an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Heidelberg: „Über Gott handeln: Das Delikt der Gotteslästerung im Kommunalstaat Zürich (16. bis 18. Jahrhundert)“
1988 - 2000Wissenschaftliche Assistentin am Historischen Seminar, Universität Heidelberg.
2000 - 2003Hochschuldozentin am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bzw. am Historischen Seminar, Universität Heidelberg
SS 2001Gastprofessorin an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (Paris)
Seit 2003Professorin für Allgemeine Geschichte der Neuzeit, Universität Zürich

Auf dem Weg

Wie und was, weiss ich noch genau. Wann, habe ich vergessen. Jahreszahlen interessieren mich nicht besonders. Deswegen bin ich Historikerin geworden. Während meiner Kindheit fiel mir eines Tages ein Bildband buchstäblich in die Hände: „Illustrierte Geschichte des Dritten Reichs“. Aufgrund des Titels erwartete ich schöne Bilder. Ich schlug das Buch auf, war fasziniert von den Photographien der aufmarschierenden und begeisterten Menschenmengen. Mittendrin diese komische Figur mit Schnauzer, die mich an Charlie Chaplin erinnerte. Neugierig blätterte ich weiter – meine Neugier schlug in Entsetzen um: Leichenberge in KZs, Gefallene auf  Schlachtfeldern, vergewaltigte Frauen am Straßenrand, verstörte Menschen auf der Flucht. Wie konnten Menschen das anderen Menschen antun?

Diese Frage, wie Menschen miteinander umgehen, sich in ihrer Gesellschaft verhalten und diese damit prägen, beschäftigt mich bis auf den heutigen Tag. Ursprünglich wollte ich Gymnasiallehrerin werden. Wie viele andere interessierte mich in der Geschichte das 20. Jahrhundert besonders. Aus einem gewissen Trotz stieg ich in mein Geschichtsstudium jedoch mit der Antike und das für mich noch dunklere Mittelalter ein. In der Schule hatte ich kaum etwas über diese Epochen erfahren. Nun wollte ich es wissen.

Es kam dann anders als geplant: Ich wurde nicht Lehrerin, sondern Professorin; nicht für das 20. Jahrhundert, sondern vorrangig für die Zeit zwischen 1500 und 1850, die sogenannte Frühe Neuzeit und Sattelzeit in Europa. Dieser Zeitraum hatte es mir mit seinen vielfältigen innovativen thematischen Perspektiven, die mit "heissen" methodischen Grundsatzdebatten der Geschichtswissenschaft gekoppelt sind, angetan.
Was nach einer geradlinigen akademischen Karriere aussieht, verlief für mich nicht ganz so glatt. Erst als ich mich allein in meine Examensarbeit vertiefen konnte, bekam ich einen Vorgeschmack dessen, was Forschung für mich bedeutet: Den Reiz des Frag-Würdigen erfahren; d.h. knobeln, verzweifeln, viel, viel lesen, fasziniert sein, herausfinden, dass etwas anders ist als gedacht, es mit anderen intensiv diskutieren, um Sichtweisen zu ändern. Die Entscheidung für eine Doktorarbeit war gefallen; die Gymnasiumspläne waren aufgeschoben, nicht aber aufgehoben. In der Zeit der einsamen Archivstunden, in der Vorbereitung der unzähligen Lehrveranstaltungen als Assistentin wurde mir aber schließlich klar: Lehre und Forschung sind es; die Universität soll es sein. Ich entschied mich für die Unwägbarkeiten einer Habilitation. Bis dahin hatte ich eine einzige Geschichtsprofessorin zu Gesicht bekommen: in Frankreich während meiner postgraduierten Studien. Als ich die Habilitation abschloss, hatte – so heisst es –  die Philosophisch-Historische Fakultät der ehrwürdigen Heidelberger Universität nach sechshundert Jahren mit mir die erste aus eigenem Hause stammende habilitierte Historikerin. Mittlerweile hat sich manches geändert.

Professur: ein Privileg?

Von außen betrachtet scheinen Professorinnen und Professoren nichts anderes zu tun als zu forschen und nach langen, sogenannten Semesterferien, zwischendurch nebenbei zu lehren und zu prüfen. Sie scheinen etwas weltabgewandt zu denken und sich um objektive Erkenntnisse zu bemühen. Eine Professur ist auch während der vorlesungsfreien Zeit, wie die Semesterferien korrekt heissen, viel umfassender: Es gilt sehr „erdverbunden“ über die Vorlesungen hinaus zu administrieren, zu motivieren, zu forschen und zu publizieren. Sitzfleisch ist gefragt. Etliche Stunden verstreichen in diversen Sitzungen. Lehre verlangt Zeit. Teambildung geschieht nicht aus heiterem Himmel. In der Welt der vermeintlichen Objektivität sind – wie überall – Menschen mit ihren subjektiven Ecken und Kanten unterwegs. Warum also eine Professur als Privileg empfinden? Meine persönliche Antwort lautet: weil ich nicht aufhören kann zu fragen und intersubjektiv um Antworten zu ringen, weil ich es menschlich wie fachlich als bereichernd erlebe, Studierenden, Forschenden oder allgemein Interessierten zu begegnen, die auf Erkenntnis aus sind und die mich zu weiteren Fragen anregen; weil Geschichte heute, weil Geschichtswissenschaft eine Gegenwartswissenschaft ist.

„Wissenschaft ist eine Leidenschaft, die mit Leiden Wissen schafft.“ Dieser Spruch ist nicht alles. Ich halte mich gerne an eine Wendung von Alphonse Allais, die ich wunderbar doppelbödig finde: „La logique mène à tout, pourvu d´en sortir.“ Und wenn es mal allzu sehr menschelt im universitären Alltag, rufe ich mir ein Bonmot Oscar Wildes in Erinnerung: „I used to be conceited, but now I am perfect.“

Wer an die Universität möchte, so mein Zwischenfazit um die Mitte eines Forscherinnenlebens, sollte wie Dreijährige Lust am Fragen und Hunger nach Antworten haben, Verunsicherung lieben, den Mut aufbringen, positiv aufzufallen, mit Menschen umgehen können, über längere Zeit im Ausland leben, sich selbst treu bleiben, die innere Unabhängigkeit pflegen und mit Humor gewappnet sein – und einen Plan B bereit halten, aus dem ein C werden könnte. Kurzum, offen für die Überraschungen des Lebens sein.