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PowerPoint aus Sicht der Rhetorik

Finden Sie PowerPoint (PPT) auch so unglaublich praktisch? Sie können damit visualisieren, was Sie sagen, die Folien dienen Ihnen als Manuskript beim Sprechen und nach der Präsentation geben Sie die Datei als Zusammenfassung oder Handout ab oder publizieren sie. Doch so praktisch die Multifunktionalität von PowerPoint zu sein scheint – aus der Perspektive der Rhetorik ist PowerPoint leider meistens ein Unfall. Christian Schorno erklärt im folgenden Blogpost warum.

 

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Bild 1: PowerPoint, Screenshot

WissenschaftlerInnen, Dozierende und die Administration setzen bei Präsentationen oder Lehrveranstaltungen ohne lange darüber nachzudenken PowerPoint ein. PowerPoint ist bereits zu einem «De-facto-Standard» geworden – nicht nur an der Uni.
Wir Vortragenden lieben den goldenen Schein eines sanft rauschenden Beamers, wir lieben die endlosen Spiegelstrichlisten unter dem UZH-blauen Titel, die mit «usw.» am unteren Folienrand aufhören. Und für viele ist eine PowerPoint-Projektion die geduldigere Zuhörerin als das realexistierende Publikum. Diese Glücklichen sprechen mit der Wand, auf der die farbige Projektion irisierend flimmert. Dabei müssten sie eigentlich zu den Leuten reden, die gekommen sind, um zuzuhören.
Vorträge mit PowerPoint sind in der Mehrzahl leider ein rhetorischer Unfall.

Paradoxe Intervention
Das Team Digitale Lehre und Forschung bietet schon lange PowerPoint-Workshops an, in denen gezeigt wurde, wie man Präsentationen mit Bildern oder Videos lebendig gestalten kann.
In einem neuen Workshop mit dem Titel «Präsentieren mit PowerPoint – Rhetorik unter dem Schein projizierter Folien» ging es um die Präsentationstechnik der Vortragenden. Das war und ist als eine Art paradoxe Intervention gedacht: Den Einsatz von PowerPoint stärken, indem man PowerPoint zurückfährt.
Der Fehler liegt schon in der Sprache: Ein PowerPoint-Dokument nennen wir «Präsentation». Früher war die Präsentation das, was jemand als Rednerin oder Redner vor Publikum aufgeführt hat – heute ist es eine Datei.
Der Workshop-Titel ist natürlich ironisch gemeint: Die Rhetorik sollte «über» den Folien stehen, nicht «darunter». Es kommt auf die vortragende Person an, nicht auf die Software und ihre Folien.

 

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Bild 2: Rede/Vortrag (Pixabay Bild)

 

PowerPoint-Kritik
Im Internet finden sich viele kritische Stimmen zu PowerPoint, zum Beispiel Edward Tufte. Er kommt als Kognitionswissenschaftler zum Ergebnis, dass PPT das kritische Denken verhindere.
Berühmt geworden ist der Fall des Spaceshuttles Columbia, das am 1. Februar 2003 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre explodierte, weil schon beim Start ein Isolationsteil abgebrochen war, was ein Loch im Hitzeschild verursachte. Die sieben Besatzungsmitglieder verloren dabei ihr Leben. Das Unglück war die bisher grösste Katastrophe in der Geschichte der Raumfahrt. Bei Untersuchungen kam an den Tag, dass PowerPoint mit ein Grund für das Unglück gewesen sein soll. Prüf- und Testberichte wurden bei der NASA statt wie früher in Berichtform nun in PowerPoint publiziert und auf den Slides wurde die Gefahr nicht in ihrer Tragweite erkannt.
Genauso absurd wäre es, wenn an der UZH die Studierenden Masterarbeiten in PowerPoint abgeben könnten. Wir wären verwundert oder gar empört, wenn das so wäre, nicht wahr?

PowerPoint-Präsentationen finde ich persönlich meist so langweilig, wie wenn mir jemand bei einer Einladung ungefragt Ferienfotos zeigt mit Leuten, die ich nicht kenne und die mich nicht interessieren – wissen Sie, was ich meine? Fotos sind toll, wenn jemand eine gute Geschichte erzählt und dazu ein Bild zeigt, aber bitte nicht als Diashow!

Gut,PowerPoint ist also schuld, wenn Technik versagt und Vorträge oder Lehrveranstaltungen zum Einschlafen langweilig sind. Doch ist wirklich die Software schuld oder diejenigen, die sie falsch einsetzen? Das ist natürlich eine rhetorische Frage!
Aus der Sicht der Rhetorik und als studierter Rhetoriker muss ich PPT einfach mal den Ort weisen: «Mein liebes PowerPoint, du bist kein Allerweltstool, sondern nur eines von mehreren Hilfsmitteln beim Eigentlichen, bei meinem Vortrag vor einem Publikum».

 

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Bild 3: Rede/Vortrag (Pixabay Bild)

 

Der Gebrauch von PowerPoint verführt dazu, drei schwerwiegende Fehler der Rhetorik oder Präsentationstechnik zu begehen:

  1. Die Gestaltung von PowerPoint-Folien wird vielfach mit der Vorbereitung einer Rede verwechselt. Das Erstellen von Folien ersetzt aber nicht das Vorbereiten einer Rede.
  2. Die Software suggeriert, alles in einem zu sein: Präsentation, Visualisierung, Manuskript und Handout. Am Ende taugt eine PPT-Datei zu nichts von diesem richtig.
  3. PPT verführt dazu, die PowerPoint-Datei als eigentliche Rede zu betrachten. Die Rede besteht aber aus dem Sprechakt im jeweiligen Kontext. Das sind vor allem die Raumsituation und das Publikum.

ad 1) Vorbereitung und Durchführung eines Auftritts durchlaufen gemäss Rhetorik fünf Stadien.

 

5Stadien
Bild 4: Fünf Produktionsstadien einer Rede (Darstellung: C. Schorno)

 

Man entwickelt mit der Zeit und der Erfahrung eigene Wege: die einen sind in der actio stark und vertrauen auf ihre Fähigkeit, in der Situation präsent und witzig zu sein. Die anderen bereiten die Rede als solche (elocutio) minutiös vor und halten sich in der actio an ihre Planung. Beide können rhetorisch sehr erfolgreich agieren.

Was man, wie ich meine, in jedem Fall machen sollte und wozu einen PPT leider nicht einlädt, ist, ein Vorbereitungsblatt auszufüllen, in dem man sich klarmacht, was die Botschaft und das Ziel der Präsentation sind. Ein solches Vorbereitungsblatt deckt die ersten beiden Produktionsstadien der Rede ab.

Auch alle anderen Kommunikate vom Aushang bis zum wissenschaftlichen Bericht und alle anderen Veranstaltungen von der einfachen Infoveranstaltung bis zur Vorlesung sollten ähnlich minutiös geplant werden. Eine Technologie wie PowerPoint hilft nicht bei der Vorbereitung/Planung, sondern lediglich bei der Umsetzung des Plans.

Vorbereitungshilfen finden Sie zum Beispiel bei Redenwelt.de.

ad 2) Das Dokuversum eines Vortrags, einer Präsentation ist sehr viel komplexer als PowerPoint.

 

Dokuversum
Bild 5: Das Dokuversum einer Rede (Darstellung: C. Schorno)

 

Schon äusserlich gleichen sich die verschiedenen Dokumente überhaupt nicht:

  • Am Anfang der Vorbereitung einer Rede steht die Materialsammlung. Sie ist eine Mappe (oder ein Zotero-Ordner) mit Quellen.
  • Die vorbereitende Planung ist eine Art Formular (siehe obiges Vorbereitungsblatt).
  • Der Vortrag ist ein geschriebener Text (falls man ihn schriftlich ausformuliert) – also ein Word-Dokument.
  • Die Folien werden in PowerPoint erstellt.
  • Das Manuskript ein Word-Dokument mit Stichworten oder mit der ausgeschriebenen Rede.
  • Das Handout kann mit Word oder PowerPoint erstellt werden.

Die Notizen von PowerPoint zu verwenden bindet die Rednerin oder den Redner an den Laptop. Davon rate ich dringend ab.

ad 3) PowerPoint ist nicht die Präsentation, sondern deren Hilfsmittel. Die Rede in ihrem einmaligen Kontext ist das, worauf es alleine ankommt. Den Raum, das Publikum, das Manuskript, das sie unterstützt, dem roten Faden zu folgen, die Visualisierung und die Rede als solches müssen Sie als vortragende Person in der rhetorischen Situation handhaben. Diese Handhabung der rhetorischen Situation können Sie im Rhetorik-Workshop der DLF spielerisch üben.

 

imZentrum
Bild 6: RednerIn steht im Zentrum (Darstellung: C. Schorno)

 

Illustration Bild 6 zeigt: Sie stehen als Rednerin oder Redner im Zentrum und handhaben die umliegenden fünf wichtigen Elemente: den Stoff bzw. Ihre Rede, das Manuskript und die Visualisierung, Sie interagieren in der Situation mit dem Raum und dem Publikum.

Ein Trick beim Visualisieren, den viele PowerPoint-BenutzerInnen nicht kennen, ist die Punkt- oder B-Taste, mit der Sie Ihre Präsentation schwarz schalten können (siehe Bild 7):

 

Schwarzfolie.
Bild 7: Die Schwarzfolie von PowerPoint (Darstellung: C. Schorno)

 

Wie gesagt: Ich rate dringend zum «Blackscreen», zur Schwarzfolie als der dramaturgisch und rhetorisch wichtigsten Folie ihrer Präsentation. Arbeiten Sie nicht durchgehend mit PowerPoint, sondern schalten Sie Folien nur dort ein, wo Sie etwas zeigen möchten.

Fakultätsangehörige können den nächsten DLF-Workshop zum Thema im Herbstsemester besuchen. Das Datum erscheint zu Semesterbeginn auf unserer Homepage.

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Abgelegt unter: ApplikationenDLFVeranstaltungen
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2 Kommentare vorhanden

  • 1 Christian Eggenberger // Jun 2, 2016 at 16:01

    Guten Abend
    Fein, dass Sie uns Vortragenden auf so klare und charmante Art und Weise die wichtigsten Merkpunkte für einen gelingenden Auftritt zeigen!
    Darf ich Ihren Text samt Visualisierungen mit Quellenangabe in meinen Rhetorikseminaren verwenden? Oder vielleicht sogar als pdf erhalten? Das würde mich mächtig freuen, herzlichen Dank für Ihre Antwort!
    LG C. Eggenberger

  • 2 cschorno // Jun 6, 2016 at 08:20

    Lieber Herr Eggenberger
    Der Beitrag ist frei zugänglich. Natürlich dürfen Sie ihn verwenden, solange Sie die Quelle zitieren.
    Es freut mich, wenn diese Sache auf Resonanz stösst!
    Herzlicher Gruss
    C. Schorno