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Was Schlussprüfungen mit einem Penaltyschiessen gemein haben

Die Fussball-EM ist vorbei. Und irgendwie bleibt bei diesem Turnier besonders stark das Gefühl zurück, dass nicht immer die beste Mannschaft gewonnen hat, sondern die, bei der der Zufall und das Glück am meisten mitgeholfen haben.
Neben dem Finalspiel war dies ganz besonders beim verlorenen Penaltyschiessen der Schweiz gegen Polen der Fall. Obwohl über weite Strecke die bessere und dominierende Mannschaft, bedeutete ein verschossener Penalty am Ende kurzerhand das Aus. So brutal kann Fussball sein. Natürlich gehören solche unerwarteten Wendungen und als unfair empfundene Ausgänge zu einem Spiel. Gerade Überraschungen machen das Ganze ja erst interessant und spannend – das haben Mannschaften wie Island und Wales sehr eindrücklich bewiesen.

Trotzdem, bei dieser EM wurde man das Gefühl nicht los, dass die althergebrachten Spielregeln nicht mehr ganz zeitgemäss sind. Möglichkeiten dies zu ändern, stehen eigentlich schon lange zur Verfügung. Besonders augenfällig war an dieser EM die Statistik, die über jede Bewegung und Ballberührung Auskunft geben konnte. Da wurde bei jedem Spieler akribisch alles Mögliche gemessen : „Ballbesitz in Sekunden“, „gelaufene Kilometer“, „Anzahl gelungene und missratene Pässe“ – all dies kann heute unmittelbar transparent gemacht werden.
Würde die UEFA die Spielregeln dahingehend ändern, dass diejenige Mannschaft das Turnier gewinnt, bei der am meisten Pässe ankommen, wäre die Schweiz gemäss UEFA Statistik jetzt Europameister. Es ist erfreulich zu sehen, dass auch im Fussball das höchste Gut bei den Schweizern die Präzision ist.

Teamstatistik, UEFA EURO 2016

Teamstatistik, UEFA EURO 2016

Seit es diese Statistiken gibt, ist es auch für Fussball-Laien augenfällig geworden, dass die bessere Mannschaft auf dem Platz nicht zwingend der Sieger sein muss und die besten Spieler nicht unbedingt die Torschützen sind. Xhaka war so ein Beispiel: Obwohl er nicht mit spektakulären Dribblings oder vielen Torchancen auffiel, wurde er zweimal zum „Man of the Match“ gewählt. Schaut man die Statistiken von ihm genauer an, versteht man warum. Trotz seiner hervorragenden Leistung während des Turniers, schied die Schweiz ausgerechnet wegen seinem verschossenen Penalty aus. Es sind im Fussball immer wieder – „leider“, sagt diesmal mein Schweizer-Herz – die statistischen Ausreisser und die unberechenbare Wendungen, die schicksalshaft ein Spiel entscheiden.

Die EM 2016 ist mittlerweile Geschichte und es ist wenig Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas an den Regeln ändern wird. Ähnliches kann in einem anderen Bereich festgestellt werden, wo wie im Fussball althergebrachte Regeln über das Weiterkommen entscheiden. Gemeint sind die Semesterprüfungen an den Hochschulen und Unis.

Die Leistung, die während dem Semester erbracht wird, zählt wenig. Es kommt nur auf die Tagesform und den Prüfungs-Moment an, ob jemand besteht oder nicht. Klar, mit entsprechender Vorbereitung und vielleicht etwas Doping geht alles besser, aber ein schlechter Tag kann jeder einmal erwischen.

Interessant ist, dass auch in der digitalen Lehre unter dem Stichwort „Learning Analytics“ immer mehr Möglichkeiten bestehen, mit denen man den Lernprozess analysieren könnte. Pierre Dillenbourg und sein Team aus Lausanne haben schon vor Jahren Möbel und Objekte entwickelt, um die Aktivitäten von Studierenden aufzuzeichnen, zu analysieren und zu messen.

Reflect Table, CHILI, EPFL

Es braucht aber nicht unbedingt Spitzentechnologie, um die Leistung von Studierenden über eine längere Zeit zu messen. Jeder Dozent kann mit einem geeigneten didaktischen Design etwas mehr Gerechtigkeit schaffen. Die Didaktik spricht von formativen Leistungsausweisen, welche die summativen ergänzen oder ersetzen sollen. In einem solchen Szenario wird der Schlussprüfung oder der schriftlichen Arbeit am Ende des Seminars weniger Gewicht zugemessen und dafür kleine Leistungen während der Lehrveranstaltung angerechnet. Das bedeutet weder für die Studierenden noch für die Dozierenden mehr Arbeit. Es braucht nur den guten Willen, dem Schicksal und dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen und Lernerfolg über eine faire Art und Weise anstatt aleatorisch wie im Penaltyschiessen zu entscheiden.

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