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Filmisch erforschen – eine Methode im Aufwind?

Forschende haben den Film schon früh für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. Vor allem Anthropologen, Ethnologen und Volkskundler fanden im Film ein hilfreiches Medium, um alltägliche Beobachtungen zu dokumentieren und Phänomene sichtbar zu machen.
Einer der ersten Dokumentarfilme der Filmgeschichte, Nanook, der Eskimo (Nanook of the North), hielt das alltägliche Leben einer Eskimofamilie fest. Der 1922 entstandene Film gilt heute als ein kulturell, historisch und ästhetisch schützenswertes Werk.


Nanook of the North, 1922, Robert J. Flaherty

In der Schweiz hat die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde (SGV) das Potential des Films als Forschungsmethode zu Nutzen gemacht.  In den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat sie angefangen, vom Aussterben bedrohte ländlich-handwerkliche Arbeitsvorgänge filmisch zu dokumentieren. Die Gesellschaft förderte nicht nur junge Filmemacher wie die Westschweizer Yves Yersin und Claude Champion, die im Auftrag der SGV Filme realisierten; unter der Leitung von Dr. Hans-Ulrich Schlumpf, selber ein bekannter Dokumentarfilmer, fand eine Ausweitung der Themenfelder statt. Heute umfasst das Archiv der SGV rund hundert Filme zu kulturwissenschaftlichen Themen. Ein Blick ins Archiv verrät allerdings, dass die meisten Filme vor der Jahrtausendwende entstanden sind.
Tempi passati? Ist der Film in Zeiten von Big Data als Forschungsmethode und Publikationsträger unattraktiv geworden?
Das Gegenteil ist der Fall. Seit dem Leitmediumwechsel vom gedruckten Buch zum Internet hat das geschriebene Wort als wissenschaftliches Gedächtnis an Bedeutung verloren. Im Zuge der Digitalisierung stehen sprachliche Elemente gleichbedeutend neben bildlichen und auditiven und bilden zusammen eine konvergente, multimediale Medienwirklichkeit.
Allerdings hinkt der Wissenschaftsbetrieb diesem Paradigmawechsel immer noch hinterher, was verständlich ist, wenn man einen Blick auf den Lehrbetrieb wirft. Die Vermittlung von Wissen geschieht grösstenteils über das gesprochene, gedruckte und geschriebene Wort. Für Studierende ist es nach wie vor schwierig bis unmöglich eine audiovisuelle anstelle einer schriftlichen Arbeit einzureichen. Unter Akademikern sind Widerstände und Vorurteile auszumachen, was den Film als Forschungsmethode und Publikationsmedium betreffen. Dies ist insofern verständlich, weil es für den wissenschaftlichen Film noch sehr wenige Publikationsmöglichkeiten gibt. Eines der wenigen E-Journals, das explizit wissenschaftliche Arbeiten in Form von Film/Video im Peer-Review-Verfahren veröffentlicht, ist das Journal of Embodied Research JER.
Dass an der Universität vermehrt junge Wissenschaftler den Wandel mittragen, beweist der Workshop „Filmmaking Methodologies for Researchers„, der am 1. April am Romanischen Seminar stattfand. Initiiert und geleitet wurde der Workshop von der Postdoktorandin Dr. Lisa Blackmore und dem Filmemacher Jorge Enrique Domingues Dubuc. Zusammen haben sie in einem vom SNF unterstützten Forschungsprojekt den Film Después de Trujillo realisiert. Das ganze Projekt ist auf einer Website dokumentiert und ein schönes Beispiel, wie in den Kultur- und Geisteswissenschaften einerseits Forschungsthemen methodisch angegangen und andererseits die Forschungsergebnisse ansprechend und zeitgemäss präsentiert werden können. Bei dieser Art von Wissenschaftskommunikation stellt sich die Frage von Open Access schon gar nicht mehr.

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