Vorwort

Charlotte Matter, Frühjahr 2016

Wie lässt sich «über Ausstellungen nachdenken»?[1] Aus Anlass der Manifesta 11, die im Sommer 2016 in Zürich stattfindet, versammelt dieser Blog Beiträge von Studierenden des kunsthistorischen Instituts der Universität Zürich, die sich mit Ausstellungen befassen. Damit soll eine kritische Auseinandersetzung mit der Manifesta entstehen, die sich über den von John Miller beschriebenen rituellen Rezeptionszyklus von Grossausstellungen – hohe Erwartungen und rasche Desillusionierung – mit deren Geschichte, Ideologie und Methoden beschäftigt.[2] Fallbeispiele aus der zeitgenössischen Kunstgeschichte werden in Essays analysiert, während Gespräche das Thema im Sinne einer Oral History als Forschungs- und Rechercheinstrument erweitern.[3] Vier Themenschwerpunkte stehen dabei im Fokus, die sich allgemein auf das Format der europäischen Biennale beziehen, spezifisch aber auch auf das Konzept der diesjährigen Ausgabe eingehen.

Ausstellungsorte und -räume

Die Manifesta ist als «nomadische» Biennale konzipiert und findet alle zwei Jahre in einer anderen Stadt Europas statt. Ortsspezifik dient hier daher nicht als blosses Schlagwort, sondern wird regelrecht zum Programm erklärt. Sie bildet die Grundlage jeder Ausgabe, die sich mit neuen Orten und Räumen zu beschäftigen hat. Doch welche Bedeutung trägt die jeweilige Gastregion als konzeptuell-ästhetische Folie und wie geht die Ausstellung mit städtischen und architektonischen Räumen um?[4] Mit Blick auf vergangene Ausgaben der Manifesta diskutieren wir die Geschichte einer Biennale, die abseits der dominanten Zentren agieren möchte. Und wir fragen, wie dieser Anspruch in Zürich eingelöst wird. Wir besuchen das Löwenbräu-Areal, eines der Hauptausstellungsorte der Manifesta 11, und sprechen mit den Architekten des Pavillon of Reflections, das im Sommer 2016 als schwimmende Plattform auf dem Zürichsee erbaut wird.

Kollaboration

Der Begriff «Demokratie» durchzieht wie ein Leitmotiv die Rhetorik der Manifesta, die seit Beginn kollaborative Herangehensweisen zu ihrem zentralen Merkmal erklärte.[5] Wurden bei der ersten Manifesta 1996 sämtliche Entscheidungen durch fünf Kuratoren gemeinsam und einstimmig gefällt, so bildeten auch bei den folgenden Ausgaben mehrheitlich Teams aus verschiedenen Kuratoren die künstlerische Leitung.[6] Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Zusammenarbeit bei der Produktion von Kunstwerken und Ausstellungen. Wie definiert sich das Kollektiv, welche unterschiedlichen Modelle lassen sich nachzeichnen und wie wirken sich diese auf den Begriff der Autorschaft aus? Wir analysieren Beispiele von Künstlerkollektiven wie General Idea und Bernadette Corporation, und sprechen mit Künstlern über ihre Zusammenarbeiten mit diversen Berufsgruppen für die Manifesta 11, so etwa mit Georgia Sagri und Jon Kessler.

Der Künstler als Kurator

Für die Manifesta 11 hat das Board zum ersten Mal einen Künstler zum Kurator ernannt. Die Kunstgeschichte kennt dafür zahlreiche Vorgängermodelle – von Gustave Courbet über Marcel Duchamp bis Richard Hamilton – dennoch bleiben Ausstellungen von Künstlern ein weithin unerforschtes Feld.[7] Wir sprechen mit Christian Jankowski über sein Verständnis der Kuratoren-Rolle und die Beziehungen zu seiner eigenen künstlerischen Praxis. Zudem verorten wir den Künstler als Kurator in der zeitgenössischen Ausstellungsgeschichte anhand von Beispielen wie das Projekt Womanhouse (Los Angeles 1972) von Judy Chicago und Miriam Schapiro oder den Arbeiten von Group Material, die ebenso mit der Frage nach kollaborativen und sozial engagierten Praktiken zusammenhängen.

Arbeit als Thema

In den 1990er Jahren als Antwort auf die vielfältigen gesellschaftlichen Umbrüche der Zeit nach dem Kalten Krieg ins Leben gerufen, richtet die Manifesta seit Beginn ihren Blick auf sozial-politische Themen. Ergänzend zu den Gesprächen mit beteiligten Künstlern reflektieren wir das diesjährige Thema «What People Do For Money – Some Joint Ventures» anhand weiterer Beispiele aus der jüngeren Kunstgeschichte, so etwa im Werk von Harun Farocki oder in Cameron Rowlands Auseinandersetzung mit Zwangsarbeit in der Ausstellung 91020000 (Artists Space New York 2016).

 


 

[1] Der Titel ist dem Sammelband Thinking About Exhibitions (London/New York 1996) von Reesa Greenberg, Bruce Ferguson und Sandy Nairne entliehen, der grundlegende Aufsätze zum Thema enthält. Für weiterführende Literatur zum relativ jungen, wenn auch wachsenden Forschungsfeld der Geschichte und Theorie von Ausstellungen siehe die Bibliografie.

[2] Vgl. John Miller, «The Show You Love to Hate. A Psychology of the Mega-Exhibition», in: Ders., The Ruin of Exchange And Other Writings on Art, Zürich/Dijon 2012, S. 223–227 [Erstveröffentlichung in: Texte zur Kunst, Köln 1992].

[3] Zu den Methoden der Oral History in der Kunstgeschichte vgl. u.a. Julia Gelshorn, «Two Are Better than One: Notes on the Interview and Techniques of Multiplication», in: The Art Bulletin, Bd. 94, Nr. 1, März 2012, S. 32–41 sowie Dora Imhof und Sibylle Omlin (Hg.), Interviews. Oral History in Kunstwissenschaft und Kunst, München 2010.

[4] Zur Bedeutung von Ausstellungsräumen siehe u.a. die grundlegenden Aufsätze von Daniel Buren («The Function of an Exhibition», in: Studio International, September/Oktober 1975) und Brian O’Doherty (Inside the White Cube. The Ideology of the Gallery Space, erw. Ausgabe mit einer Einleitung von Thomas McEvilley, Berkeley u.a. 1999 [Erstveröffentlichung in: Artforum, 1976/1986]).

[5] Vgl. «Manifesto of the Advisory Board of Manifesta – Why Another Biennial Called Manifesta?», in: Foundation European Art Manifestation (Hg.), Manifesta 1, Ausst.Kat., Rotterdam 1996, S. 12–23 sowie Camiel van Winkel, «The Rhetorics of Manifesta», in: Barbara Vanderlinden und Elena Filipovic (Hg.), The Manifesta Decade. Debates on Contemporary Art Exhibitions and Biennials in Post-Wall Europe, Cambridge 2005, S. 219–230.

[6] Bei den jüngsten Ausgaben lässt sich eine zunehmende Abkehr von diesem kollaborativen Modell feststellen. 2012 fungierte Cuauhtémoc Medina als Hauptkurator der Manifesta in Genk, wenn auch in Zusammenarbeit mit Katerina Gregos und Dawn Ades. Bei der letzten Manifesta in St. Petersburg stand 2014 mit Kasper König erstmals ein einzelner Kurator an der Spitze.

[7] Zur Geschichte von Künstlern als Kuratoren vgl. u.a. die von Elena Filipovic herausgegebene Reihe The Artist As Curator, Mousse: Mailand 2013–2015.

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