Christi Himmelfahrt aus dem Kloster St. Johann in Müstair

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Anonym, 830-840

Freskomalerei auf Kalkputz, in Strappo-Technik abgenommene Teilstücke, H. ca. 1,6 m, B. 12,5 m

Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. LM 11990.1-4.

 

 

Die Ausmalung der Klosterkirche in Müstair zählt zu den bedeutendsten noch erhaltenen Wandmalereien der Karolingerzeit. Der grösste Teil der Fresken befindet sich noch in situ und ist zentraler Bestandteil der UNESCO-Weltkulturerbestätte Müstair. Schon im frühen 20. Jahrhundert wurde jedoch ein 1,60m hoher Streifen der Wandbilder abgelöst und ins Schweizerische Nationalmuseum gebracht. Dort waren sie einige Jahrzehnte in der Dauerausstellung zu sehen. Heute befinden sich die abgenommenen Fresken im Sammlungszentrum Affoltern.

Die Gründung des Kloster St. Johann in Müstair fällt in die Zeit des Langobardenfeldzugs Karls des Grossen zwischen 773 und 774, Der Legende nach soll Karl der Grosse nach seiner Krönung zum König der Langobarden 774 bei der Überquerung des Umbrailpasses in Bergnot geraten sein und die Stiftung eines Klosters gelobt haben1, was durch dendrochronologische Messungen bestätigt werden kann. Die Errichtung der Klosterkirche dürfte um 780 begonnen haben. Die Fresken werden in der jüngeren Forschung zwischen 830 und 840 datiert. Mit der Ausmalung wurde demnach nicht nach Fertigstellung des Kirchengebäudes (um 795) begonnen, sondern erst in der Regierungszeit Ludwigs des Frommen. 2 In der Spätgotik wurde die Klosterkirche umgebaut, wobei auch ein neues Gewölbe eingezogen wurde; diese Arbeiten wurden 1492 beendet, was durch zwei Daten in den Gewölberippen belegt werden kann.3 Der Einzug des neuen Gewölbes verdeckte das oberste Register der Ausmalung mit der Himmelfahrt Christi und den Szenen aus dem Leben Davids und führte weiter auch zu bogenförmigen Fehlstellen in den Fresken.

Die Wiederentdeckung der Wandmalereien gelang den beiden Kunsthistorikern Robert Durrer und Josef Zemp, die 1894 von der Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler den Auftrag zur kunsttopographischen Aufnahme des Klosters erhielten.4 Zwischen 1908 und 1909 wurden insgesamt 22 Teile der karolingischen Fresken durch das damals neuartige Strappo-Verfahren abgelöst und nach Zürich ins Landesmuseum gebracht.5 Die einzelnen Strappi wurden mit Leinwand dubliert und auf Holzrahmen gespannt. Nach einer Reinigung und Fixierung im Jahre 1936 folgten weitere Restaurierungen zwischen 1965-1968 und 1971-1976. Die schon von Zemp und Durrer erschlossenen karolingischen Fresken unterhalb des Gewölbes und in den Apsiden konnten schliesslich von Linus Birchler zwischen 1947 und 1951 im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege freigelegt werden.6

Die Darstellung der Himmelfahrt Christi befand sich im oberen Register der Ausmalung und erstreckte sich über die gesamte Länge der Ostwand der Klosterkirche. Die Szene ist in sich geschlossen und hebt sich von den restlichen Darstellungen des ersten Registers ab, die Szenen aus dem Leben Davids zeigen. Im Gesamtkonzept (Abb. 1) war die Himmelfahrt mit den Darstellungen zur Auferstehung in den Apsiden an der Ostwand verbunden. Die Ausmalung wurde als Freskomalerei ausgeführt, wobei die letzte Farbschicht wohl al secco mit Temperafarben aufgetragen wurde. Bei den Farben dominieren Bleiweiss, Ocker, Siena, Englischrot, Grün, Blau und Schwarz.

Durch den Einzug des spätgotischen Gewölbes und durch die Verwendung von Spitzhacken bei einer späteren Übermalung erlitt die Himmelfahrt irreparable Schäden. Das Bildfeld wird von einem mehrteiligen Rahmen gefasst, der mit geometrischen und ornamentalen Verzierungen geschmückt ist. Der Hintergrund der Szene ist mit kleinen Wolkenbänken und angedeuteten Architekturen aufgefüllt, während sich im Vordergrund 20 Figuren erkennen lassen, die sich grösstenteils zur Mitte hin orientieren (Abb. 2). Diese Mitte (Abb. 3-4) besteht wegen der Gewölbe-Fehlstelle nur noch aus einem schmalen Streifen, der durch die Auftrennung bei der Abnahme weiter zerstört wurde. Zu erkennen ist heute noch der oberste Teil eines Kopfes von Christus mit einem Kreuznimbus in einer hochovalen Mandorla, die auf beiden Seiten von jeweils zwei fliegenden Engeln nach oben getragen wird. Trotz der starken Beschädigungen lässt sich die Szene an diesen Einzelheiten als Christi Himmelfahrt erkennen.

Die Figuren auf beiden Seiten von Christus sind überwiegend symmetrisch angeordnet. Zu Christus Linken folgt eine hochovale Mandorla, in der Sol mit einer Strahlenkrone abgebildet ist. Auf der rechten Seite befindet sich mit Luna, die eine Mondsichel hält, das Pendent dazu. Auf die Personifikationen folgen wichtige Heilige: Links von Sol ist schwach eine stark beschädigte Figur zu erkennen, bei der es sich um Maria handeln muss, während auf der rechten Seite der Evangelist Johannes mit seinem Attribut, dem Evangelienbuch, noch gut zu erkennen ist. Hinter Maria befindet sich ein Apostel, der seine Hände vor dem Gesicht zum Gebet erhoben hat – das Pendent auf der rechten Seite fehlt. Auf beiden Seiten folgt nun ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln, der jeweils mit einer Gruppe aus fünf Aposteln im Diskurs zu stehen scheint (Abb. 5). Die Apostelgruppe auf der rechten Seite (Abb. 6-7) ist in verschiedenen Posen abgebildet, wobei eine am Boden liegende Figur zu schlafen scheint.7

Die Abnahme der Wandmalereien wird heutzutage öfters kritisiert, weil dadurch enorme Schäden entstanden sind. Schon Robert Durrer sprach sich 1894 in einem kurzen Bericht gegen die Abnahme aus, was jedoch unberücksichtigt blieb.8 Die pragmatische Unterteilung der Fresken in vier Strappi während der Abnahme beschädigte den Mittelteil stark und trennte die Christus-Figur in zwei Teile, was heute unverständlich erscheint. Der rechte Abschnitt wurde 1968 aus ausstellungstechnischen Gründen sogar nochmals in zwei Teile getrennt. So ist es der ausführlichen Dokumentation von Lucas Heinrich Wüthrich zu verdanken, dass heute der alte Glanz dieses Meisterwerks der karolingischen Wandmalerei zumindest noch erahnt werden kann.

(Manuel Maissen)

 

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Literatur

Birchler 1954: Linus Birchler, Die karolingische Klosterkirche von Münster/Müstair, in: (Das) Werk 41.9 (Lebendiger Heimatschutz: Denkmalpflege in der Schweiz) (1954), 374–376.

Courvoisier/Sigel 1996: Hans Rufdolf Courvoisier/Brigitt Andrea Sigel (Hg.), Müstair, Kloster St. Johann, Zürich 1996.

Durrer 1894: Robert Durrer, Das Kloster St. Johannes Baptista in Münster, in: Anzeiger für Schweizer Alterthumskunde = Indicateur d’antiquités suisses 7.4 (1894).

Goll 2009: Goll, Jürg u.a. (Hg.), Müstair. Die mittelalterlichen Wandbilder in der Klosterkirche, Zürich 2009.

Sennhauser 2010: Hans Rudolf Sennhauser, (Hg.): Pfalz – Kloster – Klosterpfalz St. Johann in Müstair. Historische und archäologische Fragen. Tagung 20.-22. September 2009 in Müstair: Berichte und Vorträge, Zürich 2010.

Wüthrich 1980: Lucas Heinrich Wüthrich, Wandgemälde. Von Müstair bis Hodler. Katalog Sammlung des Schweizerischen Landesmuseum Zürich, Zürich 1980.

Wyss 2002: Alfred Wyss u.a. (Hg.), Die mittelalterlichen Wandmalereien im Kloster Müstair. Grundlagen zur Konservierung und Pflege, Zürich 2002.

  1. Goll 2009
  2. Goll 2009
  3. Wüthrich 1980
  4. Durrer 1894
  5. Wyss 2002
  6. Wüthrich 1980
  7. Wüthrich 1980
  8. Durrer 1894


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