Die Elfenbeintafeln aus der Hofschule Karls des Kahlen

Zum Essay

Anonym, Hofschule Karls des Kahlen, um 870.

Elfenbein, H. 11,2 cm, B. 8,5/8,7 cm

Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. LM 21528 / AG 1311.

 

Eine filigrane Schnitzarbeit in hohem Relief schmückt die beiden formatgleichen Tafeln aus Elfenbein (Abb. 1 und 2). Gerahmt von Leisten mit Akanthus-Ornament, illustrieren die geschnitzten Darstellungen Verse aus den Psalmen 24 und 26.

Das Bildfeld von Tafel LM 21528 ist durch horizontale Bänder stilisierter Wolken und Erdschollen in drei Zonen geteilt. In der Mitte der Komposition steht ehrfurchtsvoll vornübergebeugt der Psalmist David. Mit erhobenen Händen richtet er seinen Blick nach oben, wo der mit Kreuznimbus gekennzeichnete Christus zwischen vier Engeln über dem Wolkenband schwebt. Christus reicht David eine Schriftrolle herab, die sich dabei ein Stück öffnet. Zur Linken des Psalmisten steht eine Schar bewaffneter Männer, von denen einer eine weitere Schriftrolle und einen abwärts gerichteten Pfeil trägt. Auch in den anderen Figurengruppen treten Schriftrollen auf. So sind in der Menschenmenge rechts von David weitere Männer mit Rollen in der Hand auszumachen. In der untersten Bildzone reichen mehrere Personen, darunter auch eine Frau, Schriftrollen weiter, die aus dem ornamentierten Gefäss am Boden zu stammen scheinen.

Die Bildfläche der Tafel AG-1311 wird auf ähnliche Weise durch Bänder stilisierter Erdschollen gegliedert. Links oben ist ein Gebäude dargestellt, das an einen römischen Podiumstempel mit Freitreppe erinnert. Dessen Front wird von einem auf zwei Säulen ruhenden Dreiecksgiebel mit schmucklosem Tympanon überspannt. Auf der Giebelspitze ist ein Akroterion aus Akanthusblättern angebracht. An den Tempel sind zwei Türme und ein niedrigeres Gebäude mit Pultdach angebaut. Im Eingangsbereich steht neben einem Mann und einem Engel Christus, der wiederum am Kreuznimbus zu erkennen ist. In seiner linken Hand hält er eine brennende Fackel. In einer starken Drehbewegung wendet er sich dem Psalmisten zu, der am Fuss der Treppe neben dem Opferaltar und einem Lamm steht. Rechts oben verfolgen ein Mann, eine Frau und ein Kind vor einem weiteren Turm stehend dieses Geschehen. Durch die aus einer Wolke herausgreifende Dextera Dei wird die Billigung Gottvaters angezeigt.

Die übrigen Bereiche des Bildfeldes sind gefüllt mit Bewaffneten, die mit Lanzen und Schilden bewehrt sind und unten von Berittenen angeführt werden. Der Zug setzt sich mit zwei Reitern am linken Rand fort, die senkrecht nach oben reiten, während unter ihnen ein weiterer gerade in die Ecke stürzt. Ganz in Erdschollen eingehüllt findet sich links ein Vogel mit langen Schwanzfedern und einem Kamm, der in Richtung des Lammes zurückblickt.

Die geschnitzten Szenen und Motive illustrieren Passagen aus den Psalmen 24 und 26 (nach griechischer Zählung), die von der Bedrängung des Psalmisten durch Feinde und seiner Bitte um Errettung handeln. In einer christlichen Lesart der jüdischen Liedtexte ist für den dort angerufenen „Herrn“ jeweils Christus eingesetzt. Beide Kompositionen sind eng an die entsprechenden Zeichnungen des Utrecht-Psalters angelehnt (Abb. 3-4).1 Für die Entwerfer der Tafeln galt es dabei nicht nur die Herausforderung zu meistern, den nervösen Federstrich der Utrechter Bilder in eine dreidimensionale Schnitzarbeit zu übersetzen, sondern auch das Querformat der Miniaturen in das Hochformat der Elfenbeintafeln zu transformieren.

Der Erhaltungszustand der Elfenbeine lässt sich insgesamt als sehr gut beschreiben. Dennoch durchziehen mehrere horizontale Sprünge den dünnen Reliefgrund und an den Rahmen finden sich kleinere herausgebrochene Stücke. Ferner fehlen einigen Figuren im äusserst filigranen Relief Beine oder Hände.

Die beiden Elfenbeinreliefs stammen aus dem Kloster Rheinau, von wo aus sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten in Schweizer Privatbesitz gelangten. 1844 mit dem Erwerb durch die Antiquarische Gesellschaft Zürich bzw. 1941 durch die endgültige Übertragung der vorherigen Leihgabe gingen beide in den Besitz des Schweizerischen Landesmuseums über. Von ihrem Format her kann darauf geschlossen werden, dass die Reliefs ursprünglich für den Einband einer Handschrift bestimmt waren. Auf diese Verwendung deuten auch Bohrlöcher in der Randzone der Tafeln hin: vier in den Ecken des Rahmens im Falle der Tafel LM 21528 und fünf an der Aussenseite des Reliefgrunds im Falle von AG 1311.

Da die Tafeln ohne die zugehörige Handschrift überliefert sind, kann für ihre Datierung ausschliesslich auf eine stilistische Einordnung zurückgegriffen werden. Diese vollzog Adolph Goldschmidt, wobei er die Züricher Reliefs gemeinsam mit dem Elfenbeinrelief vom Perikopenbuch Heinrichs II, der „Liuthard-Gruppe“ zuwies, die er mit dem Hof Karls des Kahlen in Verbindung brachte und um 850/870 datierte.2 An welchem Ort die Elfenbeinschnitzer der Hofschule Karls des Kahlen tätig waren, wurde anfangs des 20. Jahrhunderts reges diskutiert, konnte bislang aber nicht abschliessend geklärt werden.3

Offen bleiben muss auch die Frage nach der Ursprungshandschrift. Die in der Forschung oft favorisierte Zuordnung zum Gebetbuch Karls des Kahlen in München (Schatzkammer der Residenz, ResMü Schk 4 WL) kann trotz einiger dafür sprechender Faktoren (u.a. gemeinsame Provenienz aus dem Kloster Rheinau) nicht als erwiesen gelten. Die Auswahl der Psalmenszenen spricht eher für einen ->Psalter als für ein Gebetbuch. Unklar und in der Forschung kaum diskutiert ist auch, was die Auswahl gerade dieser beiden Psalmen aus dem Korpus der 150 Lieder des Psalters motivierte. Zwar war die Stilisierung des Herrschers als neuer David unter den Herrschern der Karolingerzeit weit verbreitet, wie dies im Katalog Die Zeit Karls des Grossen in der Schweiz diskutiert wird.4 Damit ist aber noch nicht erklärt, warum gerade der Bezug zu diesen beiden Texten gewünscht war.

(Noemi Albert)

 

Zum Essay

Literatur

Gaborit-Chopin 1978: Danielle Gaborit-Chopin, Elfenbeinkunst im Mittelalter, Freiburg 1978, 9–18, 62–63. 

Goldschmidt 1914: Adolph Goldschmidt, Die Elfenbeinskulpturen aus der Zeit der karolingischen und sächsischen Kaiser: VIII.–XI. Jahrhundert (Denkmäler der Deutschen Kunst 1), Berlin 1914.

Horst/Noel/Wüstefeld 1996: Koert van der Horst/William Noel/Wilhelmina C.M. Wüstefeld (Hg.), The Utrecht Psalter in Medival Art. Picturing the Psalms of David, Ausstellungskatalog Utrecht 31.08.1996–17.11.1996, Westrenen 1996.

Koehler/Mütherich 1982: Wilhelm Kohler/Florentine Mütherich, Die Hofschule Karls des Kahlen (Die karolingischen Miniaturen 5), Berlin 1982.

Rahn 1910: Johann Rudolf Rahn, Nachbildungen des Utrecht-Psalters auf zwei karolingischen Elfenbeintafeln in: Anzeiger für schweizerische Altertumskunde, Neue Folge 12, Heft 1 (1910), 40–45.

Riek/Groll/Descoeudres 2014: Markus Riek/Jürg Groll/Georges Descœdres (Hg.), Die Zeit Karls des Grossen in der Schweiz, Ausstellungskatalog Landesmuseum Zürich 20.09.2013–02.02.2014, hrsg. v., Zürich, 2014, 202–208.

  1. vgl. Rahn 1910; Horst/Noel/Wüstefeld 1996
  2. Goldschmidt 1914, Koehler/Mütherich 1982
  3. Koehler/Mütherich 1982
  4. Riek/Groll/Descoeudres 2014


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*