Flügelpaar des kleinen Johannes-Altarretabels

 

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Hans Fries, um 1505-1507

Polimentvergoldung und Tempera auf Holz (mit Leinwand überklebt). H. 130, B. 32 cm

Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. LM 1893a.

 

 

Die beiden Flügel von Hans Fries, einem der wichtigsten Freiburger Künstler um 1500, waren Teil eines Triptychons. Die Mitteltafel bzw. der Schrein oder eine allfällige Predella sind nicht erhalten geblieben. Beim Material handelt es sich wohl um Fichte oder um ein anderes Nadelholz aus der Region Freiburg. In der Forschung besteht Uneinigkeit darüber, ob die Tafeln beschnitten wurden oder nicht.1 Dass Fries eine schmale und hohe Bildkomposition bevorzugt hat2, lässt sich zumindest im Vergleich zu seinen anderen Werken nicht bestätigen. Zudem entschied der Auftraggeber über die Masse des Kunstwerks. Wüthrich und Ruoss glauben, dass der Holzrahmen zu unbekanntem Zeitpunkt neu angebracht wurde.3 Von der Forschung bisher nicht angesprochen wurde die Tatsache, dass die Rahmen auch auf der Aussenseite mehrere Löcher aufweisen. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass die Flügel zu unbekanntem Zeitpunkt mit weiteren Elementen verbunden wurden. An einigen wenigen Stellen blättert die Farbe leicht; unter den Farben wird zum Teil der Goldgrund sichtbar. An den vergoldeten Flächen dringt der rötliche Bolus durch. Auf der rechten Flügelinnenseite befindet sich am linken Rand ein Loch. Villiger vermutet, dass dieser „unsorgfältige Einschnitt“ nicht auf die ursprüngliche Schliessvorrichtung zurückzuführen sei.4 Die Tafeln wurden 1978/79 von Geneviève Teoh und Linda Broggini im Landesmuseum Zürich restauriert. Neben einer Abnahme des stark vergilbten Firnisses (Firnis) urden kleinere Retuschen vorgenommen.

Die linke Innenseite zeigt die Erscheinung des Apokalyptischen Weibes in Gestalt der Muttergottes mit dem nackten Kind, das sie bäuchlings auf den Händen trägt und welches die Arme nach dem weiter unten knienden Evangelisten Johannes ausstreckt. Sie ist von einer goldenen Glorie umgeben, in die jeweils vier kleinere und grössere Sterne graviert sind. Unter ihren Füssen steht: „NON ERIT VLTRA TEMPVS / GRACIE SED IVSTICIE“ („Es wird nicht mehr eine Zeit der Gnade, sondern des Gerichts sein“). Eine klare Zäsur in der Mitte des Gemäldes unterteilt die Tafel in eine obere, himmlische und untere, irdische Sphäre, in die sich jeweils seitlich dunkle Wolken einschieben. Der nimbierte Evangelist erhebt die linke Hand zum Gestus, in der anderen Hand hält er einen tintengeschwärzte Feder, mit der er im weiter unten liegende, offenen Buch den Anfang seiner Evangelien niederschreibt. Im Hintergrund fällt die Uferpromenade jäh zur sanften See ab. Rechts von Johannes findet sich ein kleiner Busch, zur Linken türmen flammenartige und für Fries‘ charakteristische Felsenformationen. Der detailgetreue und naturalistisch gemalte Vordergrund zeigt verschiedene Pflanzenarten, einen weissen Schmetterling sowie eine Fliege, die auf einem Stein sitzt. Die Szene visualisiert den Evangelisten Johannes nach seiner Verbannung durch Kaiser Domitian auf die Insel Patmos, wo er seine geheime Offenbarung verfasst haben soll. 5

Auf der rechten Innenseite sind der Evangelist Johannes auf Patmos und die Erscheinung des Menschensohns zu sehen. Der mittig auf einem doppelten Regenbogen thronende Christus hält in der rechten Hand ein offenes Buch, welches den Anfang des Johannes-Evangeliums in deutscher Sprache zeigt, das fast identisch mit dem Text auf dem linken Flügel ist:

„In dem afang was das wortt vnd das wort was bey got vnd got was das wort, das was im anfang by got. vnd das da beschafen ist in wort was liecht vnd / das liecht lüchte in der vinster[nus] vnd die vinstern habent es nit begrifen. Einer was gesant von got des wortt was johanes das er getzügen geb von dem liecht. er was nit das liecht dann das er es getzugen geb.“

Vom Mund Christi geht ein Schwert aus. Weiter unten schwebt Johannes mit gefalteten Händen und dringt in die himmlische Sphäre ein. Wie schon im linken Pendant sind wieder mehrere dunkle, aber auch eine weisse Wolke zu erkennen, die in vertikaler Schichtung über die Polimentvergoldung gemalt wurden. Wieder finden sich im Vordergrund flammenartige Gesteine, dahinter wird der Blick auf sanfte Hügel, eine Meeresbucht sowie ein Segelschiff frei. Auf dem Felsen sitzt erneut eine Fliege, am unteren rechten Bildrand klebt eine siebte Kerze durch Fingerdruck auf dem Felsen. Diese Szene basiert auf Offb. 1,12-16.

Die Flügelaussenseiten bilden bei geschlossenem Retabel ein einziges Bild, nämlich das Giftwunder des Johannes nach der Legenda Aurea. Rechts sitzt Aristodemus, der Priester des Diana-Heiligtums von Ephesus, auf einem reich ornamentierten Thron und befiehlt dem Evangelisten Gift zu trinken. Sollte dieser unversehrt bleiben, wolle er an dessen Gott glauben. Mit einem Stab zeigt der Priester einerseits auf Johannes, andererseits scheint er auf seinen Begleiter zu hören. Bei diesem Begleiter mit Turban und exotischem Schnäuzer handelt es sich vermutlich um den in der Legende erwähnten Landarbeiter. Er weist mit seiner rechten Hand auf Johannes, mit der anderen hält er einen Stab in die Höhe. Johannes auf dem linken Bildfeld trägt in der linken Hand ein Beutelbuch, mit der Rechten hält er einen Kelch an den Mund, um das Gift zu trinken. Eine mittels Zirkel gravierte, vergoldete runde Scheibe bildet seinen Nimbus. Im Vordergrund liegen zwei tote Männer, die das Gift bereits getrunken haben. Rechts unten sitzt wie schon bei den Flügelinnenseiten eine Fliege. Auf der linken Bildhälfte ist ein turmartiges Gebäude zu sehen, das mit einer Mauer begrenzt ist und auf der sich ein dichtes Gedränge an bewaffneten Menschen offenbart. Noch weiter im Hintergrund sind dunkle Hügel erkennbar, die sanft zum Meer abfallen. Rechts steht eine Säule mit der Statue eines Kriegers, vermutlich handelt es sich um die berühmte Domitian-Statue. Die drei Bilder sind vornehmlich durch das Buch mit der Niederschrift des Johannes-Evangeliums miteinander verbunden, welches auf den Aussenseiten in Form eines Beutelbuchs, auf den Innenseiten jeweils in geöffnetem Zustand gezeigt wird.

Aufgrund der Ähnlichkeit zum 1506-07 entstandenen Bugnon-Altar wird die Entstehungszeit des Flügelpaars ebenfalls um diese Zeit angesetzt. Die Provenienz ist dagegen bis heute ungeklärt, wobei in der Forschung bisher drei Vorschläge zur Herkunft des Flügelpaars vorgebracht wurden. Nach der ersten Theorie befand sich das Altarretabel in der ehemaligen Freiburger Johanniterkomturei auf der Oberen Matte.6 Es ist bezeugt, dass Fries einen Besitz „uff der Matten“ erworben und er vermutlich eine Zeit lang neben der Komturei gewohnt hat.7 Ausserdem sind Aufträge für Gemälde von Fries für die Komturei bekannt.8 Wüthrich hingegen glaubt, dass das Retabel für den Altar des Evangelisten Johannes in der Freiburger Nikolauskirche angefertigt worden war. Er begründet seine Annahme jedoch nicht.9 Einer weiteren Hypothese nach handelt es sich um jene kleine Tafel, die Jakob Fegely (Vögeli) 1518 in der Liebfrauenkirche aufstellen liess.10 Problematisch ist jedoch die späte Datierung, wird die Entstehungszeit doch allgemein in das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts gelegt. Die Verwandtschaft zwischen den Familien Fegely und de Maillardoz scheinen hingegen diese These nicht ganz abwegig erscheinen. Die Flügel gelangten sehr wahrscheinlich im 19. Jahrhundert durch Heirat von Marie de Fegely mit Romain de Maillardoz in den Besitz der Familie, bevor sie an die Tochter Aloisia weitervererbt wurden. Diese brachte die Flügel in die Ehe mit dem Staatsrat des Kantons Freiburg, Arthur von Techtermann ein11, welcher die Altarflügel schliesslich 1896 für die stattliche Summe von 5‘086 Franken an das Schweizerische Landesmuseum verkauft hat. 12

(Eveline Szarka)

 

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Literatur

Händcke 1890: Berthold Händcke, Hans Fries, in: Jahrbuch der Königlich Preussischen Kunstsammlungen 11/3 (1890), 168-182.

Jezler 1994: Peter Jezler (Hg.), Himmel, Hölle, Fegefeuer. Das Jenseits im Mittelalter, Ausstellungskatalog Zürich, Zürich 1994.

Köppel 2010: Rebekka Köppel, Fries, Hans, in: SIKART Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, online unter: http://www.sikart.ch/KuenstlerInnen.aspx?id=4022832&Ing=de [Stand: 18.04.15].

Leitschuh 1916: Franz Friedrich Leitschuh, Fries, Hans, in: Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, hg. von U. Thieme, Bd. 12, Leipzig 1916, 478-483.

Villiger 2001: Verena Villiger, Kleiner Johannes-Altar, um 1505-1507, in: dies./A. Schmid (Hg.), Hans Fries. Ein Maler an der Zeitenwende, Zürich 2001, 159-168.

Villiger 2005: Verena Villiger, Fries, Hans, in: Allgemeines Künstler-Lexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 45, München/Leipzig 2005, 201-202.

Schmid 1993: Alfred A. Schmid, Gericht und Gnade – Bemerkungen zu einigen Bildern von Hans Fries, in: Unsere Kunstdenkmäler 44/3 (1993), 343-355.

Schmid 1998: Alfred A. Schmid, Fries, Hans, in: Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst, hg. vom Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft, Bd. 1, Zürich 1998, 352-353.

Wüthrich 1996: Lucas Wüthrich, Fries, Hans, in: The Dictionary of Art, hg. von Jane Turner, Bd. 11, New York 1996, 787-788.

Wüthrich/Ruoss 1996: Lucas Wüthrich/Mylène Ruoss, Katalog der Gemälde. Landesmuseum Zürich, Zürich 1996.

Zürich 1896: Schweizerisches Landesmuseum. Eingangs-Buch, Zürich 1896, 120.

  1. Wüthrich/Ruoss 1996, 50; Villiger 2001, 159
  2. Jezler 1994, 372; Villiger 2005, 201
  3. Wüthrich/Ruoss 1996, 50
  4. Villiger 2001, 159
  5. Offb. 12,1
  6. Schmid 1993, 348
  7. Händcke 1890, 178
  8. Villiger 2001, 215
  9. Wüthrich 1996, 787
  10. Leitschuh 1916, 481
  11. Villiger 2001, 158
  12. Zürich 1896, 120


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