Fragmente des Martyriums von Felix und Regula mit Zürcher Stadtpanorama

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Hans Leu der Ältere (um 1460-1507), ca. 1497

Tempera auf Holz, drei Tafeln, H. 65 x B. 95 cm

Schweizerisches Nationalmuseum: Inv. AG 7.1-3.

 

Die fragmentarisch erhaltenen Tafelbilder zeigen im Vordergrund das Martyrium der Züricher Stadtpatrone Felix und Regula in drei Etappen: Sieden in Öl, Rädern, Enthauptung. Als Auftragsarbeit entstanden sie für die Grabstätte der Stadtheiligen in der Zwölfbotenkapelle des Züricher Grossmünsters, die zwischen 1497 und 1501 umgestaltet wurde. Berühmt wurden Leus Gemälde jedoch wegen des Panoramas der Stadt Zürich, zu dem sie sich im Mittel- und Hintergrund zusammenschliessen. Zusammen mit den hier besprochenen Tafeln entstand eine zweiteilige Bildgruppe (AG 8.1-2), die die Stadtansicht um die rechte Limmatseite ergänzt. Im Anschluss an den reformierten Bildersturm von 1524 wurde die untere Hälfte der ursprünglich 150 cm hohen Tafeln abgesägt und zerstört.

Die Leserichtung der Martyriumsszenen verläuft von rechts nach links. Die Tafel rechts aussen (Abb.1) beschäftigt sich mit der Folterung durch Sieden in Öl. Der Bildvordergrund wird von einer Personengruppe dominiert. In der linken Ecke steht ein Scherge mit Turban. Sein Blick ist auf das sich in der Bildmitte befindende, entkleidete Geschwisterpaar gerichtet. Während beide ihre Köpfe gesenkt haben, kreuzt Felix seine Hände über der Brust und Regula legt ihre zum Gebet zusammen. Auf dem verlorengegangen Teilstück (Abb.4) vermutet man die Darstellung eines Kessels, in dem die entblössten Felix und Regula standen und von Schergen, die das Feuer unter dem Kessel mit Holzscheiten anheizten. Hinter den beiden sieht man gebückt und ebenfalls nackt den betenden Exuperantius, der vom Scharfrichter misshandelt wird. Auf der mittleren Tafel (Abb.2) wird Regula von einem Handlanger an der Schulter festgehalten, während sie betrübt zu Boden blickt. Zu ihren Füssen war wahrscheinlich der bereits enthauptete Exuperantius dargestellt (Abb. 4). Neben ihr hält ein Scherge das Rad in die Höhe, mit dem Felix später gefoltert werden soll. Der Scharfrichter entkleidet Felix. Sein Blick ist auf den Betrachter gerichtet, so dass ein direkter Bezug erzeugt wird. Im dritten Fragment kehrt Felix am linken Bildrand stehend wieder (Abb.3). Er legt seinen Kopf betrübt zur Seite und faltet die Hände vor der Brust zusammen. Neben ihm kniet Regula, von der nur das Haupt erhalten ist. Wahrscheinlich war auch auf diesem Bild der zu diesem Zeitpunkt schon hingerichtete Diener der Geschwister Exuperantius mit geschlossenen Augen auf der Erde liegend dargestellt. Ein Scherge, der auf die Gefangenen blickt, steht direkt neben dem in Weiss gekleideten Scharfrichter. Am rechten Bildrand ist Decius zu sehen, nach der Legende damals römischer Stadthalter und Richter in Zürich. Er trägt eine aus Turban, Laubkrone und phrygischer Mütze zusammengesetzte Phantasiekopfbedeckung.

Die Stadtansicht im Hintergrund ist ein topographisch akkurates Panorama der Stadt Zürich um 1500. Das erste Teilstück zeigt einige Häuser und einen Weg, der entlang des Limmatufers verläuft. Dahinter befinden sich ganz rechts die Kirche des Oetenbachklosters und links daneben ein Scheibenhaus. Gepflügte Felder, Gärten und zwei kleine Häuser, die Teil des Klosters sind, werden von einer Mauer umzäunt und bilden den Übergang zu einer freien Wiese auf der eine weitere „Schiessscheibe der Armbrustschützen mit einer Seilbahn für den Rücktransport der Bolzen über die Limmat“1  steht. Die Bildmitte wird vom Lindenhof, einem Moränenhügel mit neun Linden, beherrscht. Wie auch bei den anderen Teilstücken, erstreckt sich am Horizont die Bergkette. Hinter der Szene des Räderns ist eine Häuserzeile dargestellt. Jedes Gebäude ist exakt erfasst und durch Hauszeichen gekennzeichnet. Das Haus „Zur kleinen Sonne“, anschliessend das Haus „Zum Storchen“  und rechts das Haus „Zum Meerwunder“. Dahinter, halb von dem Rad verdeckt, sind der Turm der St. Peterskirche und der Weinmarkt zu erkennen. Wiesen, Felder, Bäume und das Kloster Selnau zieren die ansteigenden Hügel. In der Enthauptungsszene fliesst die Limmat unter dem „Oberen Steg“ hindurch. Rechts von Felix Kopf erkennt man den als Gefängnis dienenden Wellenberg. Auf beiden Seiten des Turmes trennen Schwirren die Limmat und den Zürichsee. Am linken Ufer sieht man das damals noch mit zwei Türmen ausgestattete Fraumünster und den „Wollishoferturm“. In der bergigen Landschaft im Hintergrund sind verschiedene Gebäude zu erkennen, unter anderem die Kapelle von Wollishofen, das erhöhte „Bürgli“, und die Burg Manegg.

Über die genaue Platzierung der drei Teilstücke in der Zwölfbotenkapelle streitet sich die Forschung. Emil Bosshard hielt eine Ausrichtung an der das Joch abteilende Westseite der Zwischenwand für wahrscheinlich (Abb.5). Die Tafeln hätten sich dann rechts von den Märtyrergräbern befunden. „Das würde die Lesbarkeit der Bildfolge von rechts nach links erklären, indem sich so das Geschehen gegen die Gräber hin entwickelt“.2. Wenn man, wie Hans Hoffmann und Daniel Gutscher von einer Position im Winkel ausgeht (Abb.6), dann kann man den gesamten Zyklus erweitert um ein sechstes, heute verlorenes Teilbild rekonstruieren. Auszuschliessen ist nach Bosshard die Verwendung der fünf Tafeln in einem Flügelalter aus, da durch Untersuchungen bewiesen wurden, dass drei Tafeln nie auf der Rückseite bemalt wurden.

Für die Reformatoren war die Verehrung von Heiligen verboten, weswegen die Bilder 1524 von ihrem ursprünglichen Platz entfernt wurden. Dass die Tafeln dennoch zumindest in fragmentierter Form überlebt haben, liegt an der exakten Stadtansicht. Es handelt sich um die erste topographisch genaue Darstellung von Zürich. Die Forschung geht davon aus, dass Leus Gemälde nach dem Bildersturm 1524 an Bernhard Reinhart, Bruder von Zwinglis Gattin und Sohn des Wirts zum Rössli, übergingen. Im Rössli dienten Hans Leus Bilder „zur Ausfüllung eines Raumes zwischen der Vertäfelung und Decke eines Zimmers“.3. 1566 bekam Hans Asper den Auftrag, die Heiligenfiguren zu übermalen und durch architektonische Elemente zu ersetzen (Abb. 7). Die zeitliche Einordnung der Übermalung ist dank dem auf AG 8.2 (Abb. 8) zu sehenden „Oberen Steg“ möglich. Da die Steinpfeiler der Brücke erst 1566 erbaut wurden, bilden sie den terminus post quem.

Als das Wirtshaus Anfang des 19. Jahrhunderts renoviert wurde, rettete der Chorherr Felix Nüscheler die Bilder vor der Vernichtung. 1819 kamen sie aus Nüschelers Nachlass in den Besitz der Stadt Zürich, die die Bilder von da an im Stadthaus ausstellte. Die Stadt übergab sie 1838 der Antiquarischen Gesellschaft Zürich als ständiges Depositum. 1898 ging das Werk jedoch in die Sammlung des Schweizerischen Landesmuseum über. 1936-1937 reinigte Alfred Bauer die Tafeln und nahm Aspers Übermalungen ab. Unter R. Keller wurden sie schliesslich 1981-1982 vollständig restauriert.

(Julia Asch)

 

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Literatur

Bosshard 1982: Emil Bosshard, Neues zu „der Stadt Zürich Conterfey“, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 39 (1982), 147-162

Pestalozzi 1925: F. D. Pestalozzi, Zürich. Bilder aus fünf Jahrhunderten, Bd 1, Zürich 1925.

Wüthrich/Ruoss 1996: Lucas Wüthrich/Mylène Ruoss, Katalog der Gemälde. Schweizerisches Landesmuseum Zürich, Zürich 1996, 40-43.

  1. Katalog Leu, S. 41.
  2. Bosshard 1982, S. 160
  3. Pestalozzi 1925, 2.


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