0 Einleitung

„We live in a pop age gone loco for retro …“, so beginnt das neuste Buch des Musikjournalisten Simon Reynolds, das von der Retromanie («Retromania») handelt – der Faszination der Gegenwartskultur an ihrer eigenen, jungen Vergangenheit.1 Retromanie sei die dominante Kraft in der Popmusik der Gegenwart, schreibt Reynolds, und unsere Zeit bringe statt Pionieren und Innovatoren nur noch Archäologen, Kuratoren und Archivare hervor. »Retro rules«!


Video: Interview mit Simon Reynolds über sein Buch «Retromania»: Keen On… Simon Reynolds: Retromania: Pop Culture’s Addicti… (TechCrunch, 21.10.2011, abgerufen: 11.11.13).

Dabei ist unsere Gegenwart reich an guter Musik. Die Musikindustrie bedient fast jeden Geschmack über eine Vielzahl von Kanälen: Live-Konzerte, Radio- und TV-Programme, Musik-Services wie Spotify oder Deezer, digitale Downloads, CDs, Vinyl und auch Audio-Cassetten. Musik ist im Alltag, im öffentlichen und privaten Raum omnipräsent. Und sie ist verfügbar: Auf Youtube rufen wir in wenigen Sekunden die Musik von Carlos Gardel auf, falls es uns interessiert, wie Tango in seinen frühen Zeiten, den 20er- und 30er-Jahren, geklungen hat. Nicht nur unser historisches Interesse kommt bei Youtube auf die Rechnung, auch kommerzielle Gegenwartsmusik kann zum Nulltarif gestreamt werden, Vevo2 sei dank!

Allerdings: So präsent und verfügbar alle Musik ist, so wenig neu ist sie. Frühere Jahrzehnte brachten jeweils einige neue Genres und Stile hervor. Die letzten zehn Jahre mögen einige Stilhybriden geschaffen haben (Electropop, Dubstep), aber keine wirklich neuen Genres. Die heutigen MusikerInnen handeln mit den ästhetischen Ideen früherer Generationen. Lady Gaga greift auf Madonna zurück, Adele auf Shirley Bassey und Dusty Springfield. Warum das so ist, lässt sich vage damit beantworten, dass die Umsätze im Tonträgerverkauf zusammengebrochen sind und dass folglich die Musikindustrie andere Prioritäten hat, als auf innovative Experimente zu setzen.3

In diesem Blog zur „Retromania“-Lehrveranstaltung des Instituts für Populäre Kulturen der Universität Zürich im Herbstsemester 2013 dokumentieren rund dreissig Studierende ihre Arbeiten und Einsichten zu diesem aktuellen Thema.

Lesen Sie Beiträge zu folgenden Themen:

  1. Eine Playliste zur Geschichte der Populären Musik
    Wer sich mit Retrophänomenen befasst, muss wissen, worauf sich diese beziehen. Deshalb haben wir als erstes die Geschichte der Populären Musik behandelt. Entstanden ist eine kommentierte Playliste, die viele Stücke enthält, die historisch relevant sind. Die Kommentare erklären warum.
  2. Verschiedene Beiträge zu Retro- und Revivalphänomenen in der Geschichte der Populären Musik
    Retro-Phänomene und Retro-Phasen lassen sich in der Geschichte der Populären Musik seit den späten 60er-Jahren finden. Mit ein paar wichtigen von ihnen befassen wir uns hier tiefer.
  3. In der Rubrik Mediale Bedingungen der Gegenwartsmusik setzen wir uns mit verschiedenen medientechnischen Faktoren auseinander, die die Gegenwartsmusik mitbestimmen: mit iPod, last.fm, Youtube und Spotify. Ebenfalls unter dieser Rubrik sind Beiträge zur Geschichte der Vinyl-Platten und der Bericht von einem Besuch in der Rock and Roll Hall of Fame + Museum in Cleveland zu finden.
  4. Rezensionen zur Lieblingsmusik der Studierenden und Rezensionen von Veröffentlichungen vom Spätherbst 2013. Letztere wurden von der Seminarleitung ausgewählt und per Los als Auftragsrezension den Studierenden zugeteilt.
  5. Die fünfte Rubrik, Nebenarbeiten, enthält ein paar freiwillige Beiträge von Studierenden.
  6. Die letzte Rubrik ist das Impressum.

  1. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011.
  2. Vevo ist der Videokanal von zwei der drei verbleibenden Major-Labels, Universal und Sony, ihre Musikvideo-Neuheiten publizieren
  3. siehe zum Beispiel Michael Degusta The REAL Death Of The Music Industry (Business Insider, 18. Februar 2011, abgerufen 27.12.2013)

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