Kasabian – Kasabian (2004)

Kasabian (2004)

Anfangs der 00er-Jahre stellt sich die britische Rockband Kasabian mit ihrem gleichnamigen  Debütalbum der Welt vor und erntet grosse Begeisterung dafür.

Den Hauptgrund für den Erfolg stellt der Eröffnungstitel „Club Foot“ dar, wecher adrenalingeladen und elektrisierend wirkt. Es ist ein temporeicher Rocksong mit elektronischen Elementen und einer prägnanten, schweren Basslinie. Aus diesem Grunde eignet er sich hervorragend als Begleitmusik in den Bereichen der Sport- und Medienwelt. „Club Foot“ wurde in diversen Videospielen, Fernsehserien, Filmen und als Titelmusik zu einer Fussballsendung auf dem englischen Pay-TV Sender Sky Sports verwendet.1

Ein derart wuchtiger erster Titel steigert gleichzeitig die Erwartungen für die restlichen Songs des Albums. Diese werden bis zu einem gewissen Grad auch erfüllt, jedoch überzeugt das Gesamtpaket nicht auf der ganzen Linie.2

Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Kasabian verschiedene Musikstile mit der traditionellen Orientierung des Britpop kombiniert und damit einen einzigartigen Sound kreiert. Ihr alternativer Rock ist geprägt von elektronischen und psychedelischen Einflüssen. Zudem verleihen sie einigen Songs, zum Beispiel „L.S.F.“ oder „Processed Beats“, Elemente aus dem Dance- und Hip Hop-Bereich.

Mit ihrem Debütalbum reiht sich Kasabian in die Traditionslinie der grossen Britpop-Bands ein und treibt das Genre mit ihrem innovativen Stil vorwärts in eine moderne Richtung.

(gi)

The Focus Group: „Sketches and Spells“ (2004)

„Diese Musik ist von und für Shoppers, die vom durchwühlen von alten Büchern und Schallplatten auf Wohltätigkeitsbasaren mit dreckigen Fingern nach Hause kehren. Sie ist so erfrischend wie eine heisse Tasse Tee auf dem Flohmarkt, serviert vom Verkaufsstand der Kirche, bei dem man trotz all den Nippsachen von Sven Hassels Novellen bis verfleckten Flanellhemden nichts zu kaufen gefunden hat.“1

House - Spells and Sketches

Die Rede ist vom 2004 erschienen Hauntology Album „Sketches and Spells“. Dreh- und Angelpunkt ist Julian House, als Grafiker, Musiker und Mitinhaber des britischen Musiklabels Ghost Box Music. House, bekannt für seine Plattencovers für Oasis, Razorlight oder Primal Scream, veröffentlichte unter dem Namen The Focus Group seine erste CD „Sketches and Spells“.2 Houses graphischer Stil ist stark durch Collagen geprägt, in denen er nicht immer exakt ausgeschnittene Schnipsel von Alltagsgegenständen zu einem abstrakten Ganzen zusammenfügt.3 Auch sein musikalisches Schaffen lebt von diesem Ansatz des ‚Bad’ oder ‚Cluncky Design’. Als Fan dieser avantgardistischen Herangehensweise erzielt House diesen Effekt durch ‚schlechtes’ Looping: endlose Samples mit verändertem Anfangs- und Endpunkt, so dass es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, zu unterscheiden, welches Sample welches ist. So gleicht der musikalische Stil einem kaleidoskopischen Hörerlebnis von Musique Concrète, über 70er Jahre Soundtracks von Dokumentarfilmen, Library Music (dt. Produktionsmusik), Radiomusikeffekte und Horrorfilm Samples, die durch eine Art akustischen Leim zusammengehalten werden. „Sketches und Spells“ entführt in eine rätselhafte und unerklärliche Welt von Oboen, indischen Sitars, Kirchenglocken, abstrakten Jazzmotiven und sonstigen klanglichen Bruchstücken, die zu einem mystischen, ja vielleicht spukhaften Nebel von Synthesizern verschmelzen. Mit dem ‚hauntologischen’ Ansatz dreht sich bei „Sketches und Spells“ letztlich alles um die Kraft der Erinnerung an die Vergangenheit, aber auch um die Zerbrechlichkeit derselben. Denn: Gegenwärtiges gibt es ohne Vergangenheit nicht, so das Verständnis von Derridas Begriff ‚Hauntology‘. „Sketches and Spells“ entführt in eine Sphäre, die die Aufmerksamkeit, gleich wie bei Flohmärkten, in einen nostalgischen Bann zieht und  zwischen dem Dasein und Nichtdasein schwebend, sich vom ‚Geist der Vergangenheit’ ernährt.4 (el)

 


Fussnoten:

  1. http://www.stylusmagazine.com/review.php?ID=3469 (Abgerufen 15.06.2014).
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House (Abgerufen: 15.06.2014); http://diffidentdissonance.wordpress.com/2011/02/13/promised-works-the-focus-group-sketches-and-spells/ (Abgerufen: 15.06.2014).
  3. Die folgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf: Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture′s Addiction To Its Own Past. London: Faber and Faber Ltd, 2011, 328-344.
  4. http://en.wikipedia.org/wiki/Hauntology (Abgerufen: 15.06.2014).

John Frusciante: Shadows Collide With People (2004)

Shadows Collide With People (Album Cover)

Shadows Collide With People (Album Cover)

John Frusciante ist schon ein verrückter Mensch. Stets galt in seinem Leben nur das Prinzip „alles oder nichts“, der sichere Mittelweg schien ihm zu wenig, Kompromisse würden zu einem Verlust an Authentizität führen. „Kunst muss radikal sein“, so lautet das Credo des Ex-Gitarristen der Red Hot Chili Peppers, das er für gewöhnlich sehr streng befolgt. Was ihn als Musiker in die höchsten Sphären empor schiessen liess, leitete beinahe seinen Untergang als Mensch ein, als er Mitte der Neunziger Jahre nur noch ein physisches Wrack und süchtig nach Heroin war. Musik veröffentlichte er – wenn überhaupt –, um sich mit dessen Erlös ausreichend Stoff besorgen zu können; Frusciante nagelte sich buchstäblich seinen eigenen Sarg zu.

Doch irgendwie fand der Gitarrist den Rank wieder, besiegte seine Drogensucht und konnte sich – mit neuem Gebiss zwar – erneut bei den Chili Peppers und deren Album „Californication“ (1999) einklinken. Der menschliche Mittelweg war gefunden, musikalisch hingegen blieb er schonungslos wie eh und je.
Nachdem Frusciante endlich wieder fest im Leben stand, beschloss er, all dies nachzuholen, was er während der Jahren der Drogenabhängigkeit von 1993 bis 1997 verpasst hatte, und stürzte sich neben der Arbeit mit den Peppers in zahlreiche Solo-Projekte.

„I was sick and tired of people dismissing my records as being fucked-up and unprofessional“, sagte er Anfang 2004 in Anlehnung an seine von der Heroinsucht ausgezehrten Aufnahmen der 90er Jahre, und verkündete sodann, in den nächsten sechs Monaten ganze sechs Alben veröffentlichen zu wollen – wahrlich ein Monsterprojekt für einen Solokünstler. Ziemlich irre, dieser Frusciante.

Das erste Werk dieses Kreativ-Marathons trägt den Titel „Shadows Collide with People“ und deutet erstaunlicherweise kaum darauf hin, dass dessen Urheber hauptberuflich Gitarrist bei einer bis Rockband ist, die sich längst stadionfüllenden Hymnen gewidmet hat und deren PR-Maschinerie stets auf Hochtouren läuft. Im Gegenteil, das Werk stellt eine regelrechte künstlerische Explosion dar, Jahre des Elends, aber auch der Freude finden sich hier – auf 18 grundehrlichen Songs – dicht vereint. Das Album beginnt mit dem sechsminütigen Opener „Carvel“, bei dem Gitarren, Synthesizer und mehrstimmiger Gesang zu einem furiosen Chorus zusammenprallen. Dabei demonstriert Frusciante gleich, wie variantenreich doch seine ansonsten eher feingliedrige Stimme ist: Mal rau, verzweifelt schreiend, mal engelsgleich oder dann beruhigend tief – „Carvel“ ist eine Wucht von Intro. Mit „Omission“ geht’s etwas gemächlicher, aber keinesfalls weniger aufregend weiter. Der Song ist wunderbar melancholisch, bietet einige ausgeklügelte Tempiwechsel und ein verträumtes Gitarrensolo. Das gesamte Album kommt überhaupt eher ruhig daher, einzige Ausnahmen: „Second Walk“, ein kurzes, punkiges Lied, das auf jeglichen Schnickschnack verzichtet, das moderne Rock’n’Roll-Stück „Water“ und „This Cold“, ohnehin der Übersong des Albums, der mit rasanter Geschwindigkeit dahinprescht, aber dennoch in ein ausgesprochen melodiöses, gar poppiges Gewand gekleidet ist.

Noch so ein Schmuckstück ist in der Mitte des Albums zu finden. Der Folkpop-Song „Song to Sing When I’m Lonely“ stimmt den Hörer bereits nach den ersten Akkorden traurig, allerdings auf eine wunderschöne Art. Frusciante reflektiert darin seine düsteren Tage während seiner Heroinsucht und die Furcht vor einem Rückfall: „Hello when I’m crashing, feeling nothing when my life’s flashing before my eyes.“

„Shadows Collide with People“ strotzt nur so vor Abwechslungsreichtum, Virtuosität, und schreckt auch nicht zurück, an so manchen Stellen zu experimentieren: John Frusciante hat sich mit diesem Werk auf seine eigene, radikale Weise verwirklicht. (kbr)

John Frusciante: Shadows Collide with People, Warner Bros., 2004.

Line-Up: John Frusciante und Josh Klinghoffer (Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer, Keyboard, Perkussion), Chad Smith (Schlagzeug), Omar Rodrigues (Slide-Gitarre bei „Chances“ und „23 Go in to End“), Flea (Bass)

Trackliste: 1. Carvel; 2. Omission; 3. Regret; 4. Ricky; 5. Second Walk; 6. Every Person; 7. Double-0 Ghost 27; 8. Wednesday’s Song; 9. This Cold; 10. Failure 33 Object; 11. Song to Sing When I’m Lonely; 12. Time Goes Back; 13. In Relief; 14. Water; 15. Cut-Out; 16. Chances; 17. 23 Go in to End; 18. The Slaughter

Laufzeit: 64:41 min

 Stil: Alternative Rock/Folk, Experimental Rock

 Alle Lieder von John Frusciante, ausser „Omission“ und „Double-0 Ghost“ (John Frusciante und Josh Klinghoffer); aufgenommen und abgemischt in den Cello Studios, Hollywood (CA); Mastering von Bernie Grundman