Gitarre spielende Jungs mit Mop-Tops in „The Age of The Understatement“ (2008)

Adrette, schmal geschnittene Anzüge, Rollkragenpullover oder Lederjacken im Partnerlook, „shaggy mop-top hairstyles“, die Gitarre eng an den Bauch haltend – bereits der optische Auftritt des Künstlerduos „The Last Shadow Puppets“ erinnert ungemein an den Stil der Beat-Bands, welche in den 60er-Jahren Zuschauer auf der ganzen Welt mit ihren Konzerten in Hysterie und Ekstase versetzten. Die wohl bekanntesten Vertreter dieses Stils, welche ausgehend von einer europäischen Insel auf dem Atlantik den gesamten Globus mit ihrer Musik invadierten, waren die Beatles. Schnell jedoch schossen weitere, vorwiegend aus Grossbritannien stammende, Gitarre spielende und lange Haare tragende Popgruppen in die Charts – die „British Invasion“ war nicht mehr aufzuhalten.1 Der Stil der Last Shadow Puppets, eine Kollaboration zwischen zwei Leadsängern bekannter Indie-Rock Bands, Alex Turner (Arctic Monkeys) und Miles Kane (the Rascals) ist optisch und musikalisch deutlich durch diese Zeit inspiriert. Ihre grössten Vorbilder, The Walker Brothers, stammen allerdings aus Amerika und stellen somit ein wichtiges Gegenstück zu den vielen britischen Bands dar, welche in den 60er-Jahren den internationalen Musikmarkt dominierten.2 Der musikalische Einfluss der „Walker Brothers“ auf die bisher einzig erschienene Platte der Shadow Puppets, wird einerseits am Gesang Turners und Kanes deutlich, einer Mischung aus kraftvollen Solos und perfekt aufeinander abgestimmten Harmonien. Andererseits besteht „The Age of The Understatement“, ganz nach dem Vorbild der Walker Brothers, aus einer Vielzahl langsamer Balladen, welche durch die Begleitung eines Orchesters einen gefühlvollen, alles anderen als untertriebenen Anstrich erhalten.3 In Allmusic schreibt Heather Phares diesbezüglich treffend: „The title track’s galloping strings-and-timpani drama begins the album, making it readily apparent just how ironic The Age of the Understatement’s name is, and just how well the Last Shadow Puppets have recaptured that lavish late-’60s/early-’70s sound.“4

Bild von„The Last Shadow Puppets" in ihrem Videocplip zu „Standing Next To Me"

„The Last Shadow Puppets“ in ihrem Videocplip zu „Standing Next To Me“

Vielleicht besticht „The Age of The Understatement“ genau dadurch, dass Turner und Kane mit der Platte einen schwierigen musikalischen Spagat realisieren: Das Duo inszeniert sich in ihren Musikvideos und Auftritten optisch im Stil der Walker-Brothers, ohne aber dabei verkleidet zu wirken. Durch eigene Elemente wie coole Sonnenbrillen oder Lederjacken verschaffen sie hrem Look einen modernen Anstrich, was ihr Auftreten authentisch macht. Turner und Kane lassen ihre Balladen vom London Metropolitan Orchestra untermalen, übertrieben dramatisch oder kitischig klingen die Songs dank simplen, direkten und frischen Lyrics allerdings nie. „My Mistakes Were Made for You“ auf Youtube: http://www.youtube.com/watch?v=nKEMY010pSo

  1. Covach, John und Flory, Andrew: What’s That Sound? An Introduction To Rock And Its History. W. W. Norton & Co., 2012; S. 175.
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Walker_Brothers (abgerufen am 26.12.13)
  3. http://www.allmusic.com/album/introducing-the-walker-brothers-mw0000854790 (abgerufen am 26.12.13)
  4. http://www.allmusic.com/album/the-age-of-the-understatement-mw0000786745 (abgerufen am 26.12.13)

Los Angeles – Flying Lotus (2008)

Interpret: Flying Lotus

Album: Los Angeles

Release: June 2008

Length: 43:17

Label: Warp Records

Producer: Flying Lotus, Matthew David, The Gaslamp Killer, Samiyam, Byron the Aquarius

Genre: Instrumental, Experimental Electronic, Hip-hop, Trip-hop

Line-Up: Flying Lotus, Gonjasufi, Dolly, Laura Darlington

Tracklist:

„Brainfeeder“ – 1:31

„Breathe Something/Stellar Star“ – 3:20

„Beginners Falafel“ – 2:28

„Camel“ – 2:22

„Melt!“ – 1:45

„Comet Course“ – 3:01

„Orbit 405“ – 0:44

„Golden Diva“ – 4:02

„Riot“ – 4:02

„GNG BNG“ – 3:38

„Parisian Goldfish“ – 3:01

„Sleepy Dinosaur“ – 1:55

„RobertaFlack (feat. Dolly)“ – 3:07

„SexSlaveShip“ – 2:14

„Auntie’s Harp“ – 0:55

„Testament (feat. Gonjasufi)“ – 2:28

„Auntie’s Lock/Infinitum (feat. Laura Darlington)“ – 2:44

 

 

Steven Ellison, alias “Flying Lotus”, shows yet again that he is able to show progression and take his sound to the next level in his unique and innovative sophomore album Los Angeles.

What you’ll notice straight from the beginning is the use of unique sounds and textures throughout the whole record, which Ellison not only creates with his synthesizer plugins but also through the modification of samples; it is especially noteworthy that Ellison utilizes many samples that stray from the usually sampled genres of jazz and r&b, and is able to give these samples a completely different role in a different context. The tribal sounding percussive sequence found in “Camel” for example was actually modified from an early 45 B-Side from Aynsley Dunbar’s Retaliation. With the use of more modified samples and unconventional analog synthesizer plugins while still being aware of maintaining a careful balance between the two elements, the tracks are given an organic, almost natural and timeless electronic sound.

Other more atmospheric tracks such as “Brainfeeder” and “Orbit 405” show Flying Lotus thinking of a style inspired maybe by listening to Klaus Schulze or Tangerine Dream, nevertheless in a much smaller format (also note the use of the vinyl hum and cracking as a lo-fi/aesthetic element).

Infinitum”, “RobertaFlack” and “Testament” prove that Ellison can collaborate with vocalists and still maintain the tone of the album.

 

Steven Ellison has created a work that can be regarded more than a collection of instrumental tracks; the music works in it’s order as does a series of paintings. And that’s exactly what this album (just like DJ Shadow’s Endtroducing…..) underlines; that instrumental electronic music can be viewed as art, and that a DJ can create a standalone record that doesn’t bore you to death with looping sequences and the same drum sounds.

It is without a doubt that Flying Lotus has revolutionized the meaning of the beat and has set the bar high for other electronic musicians of this generation.

The Walkmen: On The Water

The Walkmen legten 2008 mit You & Me ein überraschendes reifes viertes Album vor. Schmissen sie uns im Vorgänger Bows and Arrows noch ihre Entrüstung in sperrigen, wilden und ungestümen Retrosound um die Ohren, scheint die Band aus New York mit You & Me  erwachsener geworden zu sein. Sie sinnieren feinsinnig über die Beschwerlichkeit des Alleinseins.

Ihr Song On The Water ist beispielhaft für ihre Entwicklung. „All the windows are glowing / The branches bending low / The skyline is swinging / Rocking back and forth“ singt Hamilton Leithauser mit seiner unvergleichlich ausdrucksstarken Stimme gleich zu Beginn, und mit dem pulsierenden Schlagzeug und der gleichförmigen Basslinie nimmt das düstere Stück Fahrt in unbekannte, schwarze Gewässer auf. Melancholie begleitet seine Stimme, während der Song mit treibenden Impulsen vorwärts prescht und sich dunkle Wolken am Himmel zusammenbrauen.  „All the years keep rolling / The decades flying by / but aaah, the days are long.“ Die einsame und schwermütige Reise wird beharrlich fortgesetzt, Schlagzeug und Bass pochen weiter, die Gitarre setzt flüchtige Momente. Leithauser erklimmt seinen Höhepunkt und konstatiert: „Oh I know I’d never leave you / No matter how hard I try / You know I’d never leave you / And that’s just how it is“ – Und mit diesen Worten entlädt sich alle Energie mit einem lauten Knall. Maroon an der Gitarre taumelt sich in einen Rausch und Barrick am Schlagzeug lässt passend dazu Blitze am Himmel erscheinen. Just in diesem Augenblick wird klar, dass The Walkmen trotz ihrer Reife ihren Wurzeln treu geblieben sind: Die finale Eruption lässt die Wellen tanzen, die Welt untergehen – The Walkmen sind immer noch wütend, doch nun ist dieser Groll gegen innen gerichtet. Einsamkeit ist schmerzhaft, muss aber ausgehalten werden, wie Leithauser erkennt. Zum Schluss pfeifen die New Yorker in Zuversicht gegen ihren Trübsal , bis der Himmel sich lichtet. In drei Minuten und 12 Sekunden haben uns The Walkmen mit ihren schwermütigen Herzen gefesselt, um uns dann mit einem letzten Paukenschlag wieder in die einsame Welt zu entlassen – eine Wucht.

Interpret: The Walkmen
Song: On The Water

Album: You & Me
Stil: Indie Rock
Erscheinungsjahr: 2008

Label: Gigantic (US), Fierce Panda (UK)
Produzent: The Walkmen, Chris Zane

Besetzung: Sänger: Hamilton Leithauser / Gitarre:: Paul Maroon / Synthesizer: Walter Martn / Bass: Peter Bauer / Schlagzeug: Matt Barrick

Rezension: Frightened Rabbit – The Midnight Organ Fight (Fat Cat, 2008).

frightenedrabbit

Obwohl nach wie vor ein wenig bekanntes Album, das in der Obskurität ihrer Prä-„Swim Until You Can’t See Land“-Phase dahinvegetiert, ist das Album „The Midnight Organ Fight“ das frühe Meisterstück dreier grossartiger Musiker und Poeten.

Angetrieben von markanten Rhythmen und zumeist umgeben von verwobenen Gitarrenwänden, trägt Scott Hutchinson in dezidiert schwermütigem schottischem Akzent seine Weisen vor. Es sind Geschichten über die Entfremdung der Menschen von sich selbst, Geschichten über die Vergänglichkeit, Geschichten über Sex – Geschichten also, meinte man, die in fast jedem Popsong erzählt werden. Dem schottischen Trio aber gelingt es, eine Ehrlichkeit in der Sprache zu zelebrieren, die einem heisskalte Schauer über den Rücken kriechen lässt. Da gibt es Religionskritik („Jesus is just a Spanish boy’s name“), Vergänglichkeitsbewusstsein („When my head rolls off, someone else’s will turn“), es gibt die Abscheu vor der kulturellen Praxis des sogenannt bedeutungslosen Geschlechtsverkehrs („It takes more than fucking someone to keep yourself warm“), es gibt kleine und grosse Dramen, durch das beständige Summen des TV-Apparates verstummte Beziehungen und einen Gott, der die Wände seines Hauses rot angestrichen hat, um die Gäste an ihr Totsein zu erinnern. Es sind makabre Visionen und fatalistische Feststellungen, unverhüllt in Worte gefasst ohne dabei ihre poetische Qualität einzubüssen. (Titelgebender „Midnight Organ Fight“ ist konsequenterweise ein Euphemismus für das Ringen zweier Liebender im Bett.)

„The Midnight Organ Fight“ ist rein von Sound und Produktion her kein bahnbrechendes Album, es ergeht sich nicht in  Studioexperimenten und es will nicht kein klitzkleines Klangrädchen neu erfinden. Doch gerade weil die (notabene sehr gut durchdachten) Arrangements, die diese zutiefst rührenden Texte begleiten, so klassisch daherkommen, die Instrumente so klassisch sind, entfalten die Songs, die Texte, Hutchinsons Stimme eine umso stärkere Sogwirkung. (mf)