60 Jahre Musikgeschichte – eine kommentierte Playliste

1. Rock’n’Roll und Beat

Carlos Gardel – Por una cabeza (1935)
Ein sehr früher und entscheidender Moment in der Verbreitung lateinamerikanischen Musik ist das Auftauchen von Carlos Gardel, einem Tangosänger und -komponist, der den Tango in den USA und in Europa popularisierte [1]. Nicht nur sein musikalisches Schaffen spielte dabei eine wichtige Rolle, sondern auch ein scheinbar unwesentliches Treffen mit einem jungen Talent in New York. Er riet dem unbekannten Italiener, besser nicht weiter den kriminellen Machenschaften der Mafia zu dienen, sondern sich mit dieser Stimme doch lieber dem Gesang zu widmen. Damit war Musiklegende Frank Sinatra geboren und ein Meilenstein in der Geschichte der modernen Musik gelegt. (jo)

 [1] Starr, Larry und Christopher Waterman: American Popular Music. From ministrelsy to MP3. Third Edition. Oxford 2009, S. 17.
[2] González Mario: Carlos Gardel y Frank Sinatra. Una anécdota desconocida. In: Portal de América, 2010, http://www.portaldeamerica.com/index.php?option=com_k2&view=item&id=2177:carlos-gardel-y-frank-sinatra-una-an%C3%A9cdota-desconocida&Itemid=80 (17.10.2013).

 

Pat Boone – Ain’t That a Shame (1955)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=fVuI_cVNW4Y[/youtube]
Charles Eugene „Pat“ Boone (*1934) fokussierte sich während seinen frühen Jahren als Musiker vor allem aufs Covern von R&B-Songs schwarzer Künstler (v.a. Little Richard, Fats Domino), mit seinen Neuinterpretationen richtete er sich jedoch an ein vorwiegend weisses Publikum. [1] So auch mit seiner Variante von Dominos Ain’t That a Shame, die 1955 während zwei Wochen auf Platz eins der Billboard Most Played in Jukeboxes Charts rangierte. [2] Als weisser Vertreter des New Orleans Dance Blues fungierte Boone gewissermassen als Brücke zwischen der damals noch streng nach Hautfarbe getrennten Musik. [3] (kbr)
[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Pat_Boone#Discography (20.10.2013)
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Ain%27t_That_a_Shame#Covers (20.10.2013)
[3] Gillet, Charlie: The Sound of the City. The Rise of Rock and Roll, New York 1970, S. 31/32.

 

Bill Haley – Rip It Up (1956)
Das Stück wurde erstmals durch Little Richard im Jahre 1956 veröffentlicht. Im gleichen Jahr noch brachten Bill Haley and his Comets ihre Version auf den Markt. [1] Dominantes Schlagzeug und ein leitender Kontrabass lassen in Rip It Up eine unvergleichbare Tanzmelodie entstehen. Der 4/4-Offbeat ragt dabei als markantes Leitmotiv heraus. Neben Kontrabass und Schlagzeug geben Bläser diesem Stück eine besondere Note. Bill Haley gilt als wichtigster Vertreter des Northern Band Style, eine Stilrichtung des Rock’n’Rolls, welche ab 1952 zentrale Bedeutung erlangte. [2] Eine expressive Rhythmik und die Verschmelzung verschiedener Genres sind ausschlaggebend für den Rock’n’Roll. (pl)
[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Rip_It_Up_(song) (20.10.13)
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Rock_’n’_Roll (20.10.13)

 

Buddy Holly – Peggy Sue (1957)
Buddy Hollys Karriere dauerte nur kurz, aber er hatte zusammen mit seiner Begleitband The Crickets grossen Einfluss auf nachfolgende Rock n Roll- Künstler: So benutzen sie im Studio beispielsweise bereits Overdubbing und Mehrspuraufnahmen. Zudem waren Buddy Holly und The Crickets einer der ersten Bands, die ihre Lieder selber verfassten. Die Freundin des Drummers Jerry Allison, insprierte Buddy Holly zum Song „Peggy Sue“. Die Single wurde Ende 1957 veröffentlicht, am Höhepunkt seiner Karriere. [1] (sf)

[1] Heathley, Michael (2010): Das Mädchen aus dem Song.Angie, Lola, Rita, Suzanne und Maggie May und welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Berlin: Schwarzkopf&Schwarzkopf.

 

2. Rock und Soul

The Beatles – A Day in the Life (1967)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=P-Q9D4dcYng[/youtube]
Von John Lennon als „peak“ der Schaffensphase zwischen ihm und Paul McCartney bezeichnet, und vom Rolling Stone Magazine zum „Greatest Beatles Song“ gekürt, ist A Day in the Life bis heute eines der schillerndsten Lieder der Rockmusik. [1] Dabei wurden zwei Song-Fragmente – das eine von Lennon, das andere von McCartney – zu einem Stück zusammengefügt, um eine Ganzheit zu kreieren, die grösser als nur die blosse Summe zweier Teile ist. [2] Lennons verträumter, eher trübseliger erster Part von A Day in the Life wird nach einem dramatischen Intermezzo von McCartneys klarem Gesang abgelöst, der wiederum von verzerrten Piano- Trompeten- und Schlagzeugklängen unterbrochen wird, und schliesslich in einem Klimax endet. A Day in the Life ist als dramatischer Höhepunkt und Abschluss des Werks Sgt. Peppers Lonely Heart Club Band charakteristisch für den neuen Ansatz, ein Konzeptalbum als ganzheitliche Einheit hervorzubringen. (kbr)

[1] http://www.rollingstone.com/music/lists/100-greatest-beatles-songs-20110919/a-day-in-the-life-19691231 (21.10.2013)
[2] http://www.allmusic.com/song/a-day-in-the-life-mt0010100290 (21.10.2013)

Led Zeppelin – Whole lotta Love (1969)
Whole lotta Love wurde die erste grosse Hit-Single von Led Zeppelin. Bekanntheit erlangte der Song durch seine charakteristischen Gitarren Riffs [1] und dem verwendeten „backward echo“-Effekt. [2] Whole lotta Love ist einer der Songs, die sich immer wieder in den Top 100-Rock-Listen auf Platz 1 finden lassen. [1] (sf)

[1] Wikipedia Led Zeppelin – Whole lotta love: http://en.wikipedia.org/wiki/Whole_Lotta_Love#Controversy (20.10.2013).
[2] Songfacts Led Zeppelin – Whole lotta love: http://www.songfacts.com/detail.php?id=308 (20.10.2013).

 

Santana – Oye como va (1971)
Nach dem Durchbruch des Rock’n’Roll differenzierte sich diese musikalische Stilrichtung durch progressive Gitarrenvirtuosen wie Carlos Santana immer weiter aus. Mit seiner Combo, bestehend aus Musikern verschiedenster Nationalitäten, schuf Santana mit einer Mischung von Rockmusik und lateinamerikanischem Substream, der sich hauptsächlich durch Elemente der Perkussion auszeichnet, den Latin-Rock. Oye como va zeigt diese Synthese besonders in der Instrumentalisierung durch die Kombination von klassischen Instrumenten einer Rockgruppe mit Elementen der lateinamerikanischen Perkussion [1]. Diese bildet die pulsierende Grundlage für den Song, da sie durchgehend zu hören ist, was auch das Tanzen des kubanischen Cha-Cha-Cha zu diesem Stück ermöglicht. Santanas Spiel erweitert und kontrastiert diese Basis, was den neu entstandenen Stil wiederum verdeutlicht. (jo)

 

[1] Starr, Larry und Christopher Waterman: American Popular Music. From ministrelsy to MP3. Third Edition. Oxford: University Press, 2009, S. 339ff.

 

War – Lowrider (1975)
Rock, Soul und eine Prise Funk vereinen sich in diesem Lied. Afroamerikanische Rhythmus-Einflüsse mischen sich hier mit funkigen Bass- und Gitarrenklängen. War ist eine Band, die ihre Musik aus den unterschiedlichsten Quellen schöpft. Inhaltlich gesehen spricht der Song klar die kalifornische Kultur der 60er und 70er Jahre an. Einerseits probiert sich War mit ihren Texten mit gesellschaftspolitischen Zuständen auseinanderzusetzen und so an den Zeitgeist anzuknüpfen. Andererseits erzeugen sie mit ihren Melodien eine entspannte, lockere Atmosphäre. Die Hybridformen in Wars Musik sind typisch für die Musikströmung zu dieser Zeit. [1] (pl)

[1] http://www.allmusic.com/song/low-rider-mt0010707242 (20.10.13)

 

3. Postpunk, Newpop, Alternative Rock

Rubén Blades – Pedro Navaja (1977)
Während der Entstehung des New Wave und des Punk, welche als Reaktion auf den bisweilen durchstrukturierten und kommerziellen Rock als eine Rückkehr zum Ursprünglichen angesehen werden können [1], wendeten sich nach einigen Mischformen auch die kubanischen Immigranten in den USA musikalisch nach und nach wiederum ihren Wurzeln zu. In einer ständigen Spannung zwischen Tradition und modernem Experimentalismus entstand in einem Konglomerat von lateinamerikanischer Tanzmusik, afrokubanischer Rumba und modernem Jazz schliesslich der Salsa [2]. Die Instrumentalisierung in Pedro Navaja ist dementsprechend sehr klassisch: Zunächst wird mit Kongas,Timbales und dem Bongo die Clave vorgegeben, anschliessend setzen das Piano, der Kontrabass und vier Posaunen ein [3]. Einzig der aussergewöhnliche Text weist auf die Entstehung ausserhalb Lateinamerikas hin, da er von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper von Berthold Brecht und Kurt Weill und dessen Thematik der Kriminalität an Prostituierten inspiriert ist [3]. (jo)

[1] Buesser, Martin: On The Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik. Europäische Verlagsanstalt, S. 83.
[2] Starr, Larry und Christopher Waterman: American Popular Music. From ministrelsy to MP3. Third Edition. Oxford: University Press, 2009, S. 365ff.
[3] Wikipedia. Pedro Navaja. http://es.wikipedia.org/wiki/Pedro_Navaja (17.10.2013).

Joy Divison – Love Will Tear Us Apart (1980)
In den Lyrics zu Love Will Tear Us Apart verarbeitete der Sänger Ian Curtis seine Eheprobleme. [1] Joy Division haben sich dem Postpunk verschrieben, doch Love Will Tear Us Apart war ihr Pop-Song. Der Wiedererkennungswert des Songs liegt an den Synthesizer, dem mechanische Schlagzeug und an der einzigartigen Stimme des Sängers. [2] (sf)

[1] Joy Divison – Love will tear us apart: http://en.wikipedia.org/wiki/Love_Will_Tear_Us_Apart#Popularity (21.10.2013).
[2] All Music Joy Divison – Love will tear us apart: http://www.allmusic.com/song/love-will-tear-us-apart-mt0012270156 (18.10.2013).

The Jesus And Mary Chain – Just Like Honey (1985)
Just Like Honey: Anti-Pop und Pop schlechthin zugleich. Geht das? The Jesus And Mary Chain beweisen mit ihrem Song, dass solch eine Widersprüchlichkeit durchaus funktionieren kann. Das Schlagzeug-Intro ist auf den Song Be My Baby von The Ronettes zurückzuführen und macht deutlich, dass The Jesus And Mary Chain einerseits mit neuen formalen Mitteln experimentieren, gleichzeitig aber auch an Altes anknüpfen. Einflüsse von The Velvet Underground und The Stooges sind ausmachbar und führen dem Hörenden die Historizität vor Augen. Die Musik von The Jesus And Mary Chain nimmt Elemente des bestehenden Punks auf, wandelt diese aber auf eine eigene, ironische Art und Weise um und zählt somit klar als Repräsentant des Postpunk/Newpop Genres. [1] (pl)

[1] http://www.allmusic.com/album/psychocandy-mw0000652509 (20.10.13)

Sonic Youth – Teen Age Riot (1988)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=BKMD8vI1MaM[/youtube]
Der knapp 7-minütige Song Teen Age Riot beginnt mit einem charakteristischen, ausufernden Soundgemisch, kurz darauf dröhnen Thurston Moores und Lee Ranaldos Gitarren mächtig auf, während Kim Gordon zu ihrem typischen nuschelnden Gesang ansetzt, und Satzfragmente wie „Spirit desire“, „We will fall“ und „Say it, don’t spray it“ dazwischen wirft. Teen Age Riot – zusammen mit den durchs Band positiven Kritiken des Albums Daydream Nation – bescherte Sonic Youth insbesondere an College-Radios einigen Erfolg. Nur kurze Zeit später unterschrieb die Band beim Major-Label DGC und fand somit ihren Platz in der damals explodierenden Alternative-Rock-Szene. [1] (kbr)

[1] http://www.allmusic.com/song/teen-age-riot-mt0010584159 (20.10.2013)

 

4. HipHop, House, Techno, Electronica, Postrock

Grandmaster Flash & The Furious Five – The Message (1982)
The Message ist einer der bekannteste HipHop-Songs. Grandmaster Flash & The Furious Five schufen, aber auch eine revolutionäre Erneuerung im HipHop: The Message bewegte sich weg von den üblichen Disco-Rhythmen, wie sie beispielsweise in Rappers Delight von der Sugarhill Gang zu hören sind. Grandmaster Flash setzte die Lyrics in den Mittelpunkt und unterlegte diese mit einem langsamen Beat. The Message propagierte die wachsende Wichtigkeit der Rapper als Gesellschaftskritische und politische Stimme. [1] (sf)

[1] Songfacts Grandmaster Flash & The Furious Five – The Message: http://www.songfacts.com/detail.php?id=25993 (20.10.2013).

Slint – Breadcrumb Trail (1991)
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=x5FhA7ZSmYU[/youtube]

Das 1991 erschienene Album Spiderland der Chicagoer Band Slint wird gemeinhin mit der Geburtsstunde des Postrock gleichgesetzt – eine Art Gegenreaktion auf die traditionelle Rockmusik. [1] Die Postrock-Bands kombinierten die Standard-Rock-Instrumentierung praktisch immer mit elektronischen Klängen und wandten sich somit weit experimentelleren musikalischen Feldern zu. [2] Der erste Track von Spiderland, Breadcrumb Trail, steht sinnbildlich für diese neue Musikrichtung, die auf viele Konventionen verzichtet; Der Song begibt sich stattdessen auf eine surrealistische Odyssee durch eine düstere Traumwelt. (kbr)

[1] http://www.allmusic.com/style/post-rock-ma0000002790 (20.10.2013)
[
2] http://www.allmusic.com/song/breadcrumb-trail-mt0008849294 (21.10.2013)

Massive Attack – Unfinished Sympathy (1991)
Neue Technologien bilden neue Musikstilrichtungen: Massive Attack ist nur eine von zahlreichen Bands, die hier zu nennen wären. Die Band ist dem Trip-Hop zuzuordnen, einer elektronischen Musikstilrichtung, die an den Hip-Hop anknüpft. Langsame Tempi und melancholische Klänge bilden die Grundlage dieses Stils. [1] Massive Attack mischt Elemente des Hip-Hop, des House, des R’n’B und des Dub und bildet daraus eine neue Form mit einer ganz eigenen Handschrift: entspannende Melodien die zum Träumen anregen. (pl)

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Trip_hop (20.10.13)

Gloria Estefan – Oye! (1998)
Nach der neuerlangten Popularität des Salsa knüpfte Gloria Estefan an die aktuellen musikalischen Entwicklungen der Discomusik an und kreierte aufgrund der Trends die neue Richtung des Latin-Pop [1]. Bereits die Kombination der Sprachen Englisch und Spanisch weist in Oye! auf die neue Mischform hin. Weiter wird der Popbeat mit bestimmten Elementen des Salsa, besonders mit typischen Riffs der Blasinstrumente unterlegt. Der Song stieg auf Platz Eins der amerikanischen Charts auf. Damit war die Erfolgsbasis für weitere lateinamerikanische Sängerinnen wie beispielsweise Jennifer Lopez gelegt [2]. (jo)

[1] Biography. Gloria Estefan. http://www.biography.com/people/gloria-estefan-9542436 (Abgerufen: 19.10.2013).
[2] Starr, Larry und Christopher Waterman: American Popular Music. From ministrelsy to MP3. Third Edition. Oxford: University Press, 2009, S. 462ff.