Die unbedingte Subjektivität der Throwing Muses

“We’re really looking forward to death. We work so hard to be allowed to die!”[1]

Das Jahr 2013 ist das Jahr eines neuen Album-Releases von den Throwing Muses, einer dreiköpfigen, US-amerikanischen Alternative-Band, die man, zumindest ein bisschen, tot geglaubt hatte. In den Achtzigern und Neunzigern machte die Band mit ihrem unkonventionellen Sound, einer Mischung aus Popmusik und Noise-Rock, von sich reden. Der große Erfolg blieb stets aus, aber die Musik der Throwing Muses war für einige Bands wegweisend. 10 Jahre sind seit ihrer letzten LP-Erscheinung vergangen und es wurde ziemlich ruhig um die Gruppe. Das soll sich mit dem neuen Album nun ändern!

„Purgatory/ Paradise“ erscheint in Form eines Buches und enthält, abgesehen von der Musik, künstlerische Darstellungen. Alle Songs auf der Platte sind von Frontfrau Kristin Hersh geschrieben worden[2]: unglaubliche 32 Lieder. Hershs Stimme zieht sich durch das gesamte Werk hindurch – manchmal schlurfend und träumerisch, dann wieder trotzig und anklagend, vor allem aber immer ein bisschen düster. So singt Kristin im Stück Slippershell „You can go to hell, maybe see me there“, und man nimmt ihr jedes einzelne Wort ab. Gegensätze, wie dies auch der Titel schon besagt (Fegefeuer/ Paradies), liegen in ihren Songs stets nahe beieinander. Der Gesang, wie auch die instrumentale Komposition und die Lyrik, sind schwierig zu fassen, aber die einzelnen Komponenten fügen sich doch immer wieder zu einem sinnvollen Ganzen zusammen. Das Album fungiert als gutes Beispiel dafür, dass Musik und Lyrik als Einheit angesehen werden will – und soll. Text und Duktus verschlingen sich in diesem Werk und die Stimme verknüpft Emotion mit der Semantik des Textes. Die Wirkung der Texte wäre nicht dieselbe, wenn diese nur als geschriebene Worte betrachtet werden würden, denn die Sprecherin verkörpert diese. Mit jedem Wort, das ihr über die Lippen gleitet ruft sie eine emotionale Gestimmtheit hervor.

[youtube]http://youtu.be/9FqjE5sWyQI[/youtube]

Man merkt, dass sich die Band auch 30 Jahre später noch immer keinem künstlerischen Zwang unterwerfen will. Das Werk verzeichnet zwar eine hohe künstlerische Eigenständigkeit, nur eben auf Kosten des massenkulturellen Gebrauchswertes.


[1] http://pitchfork.com/reviews/albums/18660-throwing-muses-purgatoryparadise/ (Abgerufen am 10.06.2014)

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Purgatory/Paradise (Abgerufen am 10.06.2014)

Primal Scream – Screamadelica (1991)

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„Screamadelica“ ist das dritte Album der schottischen Band Primal Scream, erschien am 23. September 1991 und stellte den Durchbruch für diese dar. Mitte der 80er gehörte Primal Scream zu den wichtigsten Vertreter der Indie-Pop Szene. Die Band nahm immer mehr auch Elemente des Psychedelic und Garage Rock auf, später solche der Dance Music.- z.B. auch auf „Screamadelica“.[1] Zudem finden sich auch viele Bezüge zur früheren Rock- und Popmusik:

So klingt Opener „Movin‘ on Up“ wie ein Titel der Rolling Stones und die ersten beiden Zeilen stammen von Can’s „Yoo Doo Right“ (1969).[2] „Slip Inside this House“ ist eine Coverversion des 1967 veröffentlichten Songs von 13th Floor Elevators.[3] „Higher Than the sun“ sampelt (unter anderem) Young-Holt Unlimiteds „Wah-Wah Man“ von 1971.[4]

„Loaded“ war die erste Singleauskopplung des Albums „Screamadelica“. [5] Im Song  ist Peter Fonda in einem Ausschnitt aus dem Film „The Wild Angels“ zu hören.[6] Der Film stammt aus den 60er Jahren und handelt von einer Bikergang, welche ein gestohlenes Motorrad wieder zurückholen will. [7] Der Titel bezieht sich jedoch nicht nur auf den Film, sondern auch auf Primal Scream selber. So ist „Loaded“ einen Remix von „I’m Losing More Than I’ll Ever Have“ (erschienen auf dem Album „Primal Scream“) dar.[8]

Doch trotz all dieser Zitate hat das Album einen ganz eigenen Sound. Oder wie Ian Wades es beschreibt: «[…]Screamadelica still sounds like nothing else, yet all things at once [..]“[9] (bw)

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Primal_Scream (aufgerufen 18.11.13)
[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Screamadelica (aufgerufen 18.11.13)
[3] http://en.wikipedia.org/wiki/Slip_Inside_This_House (aufgerufen 18.11.13)
[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Screamadelica (aufgerufen 18.11.13)
[5] http://en.wikipedia.org/wiki/Screamadelica (aufgerufen 18.11.13)
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Screamadelica (aufgerufen 18.11.13)
[7] http://www.moviepilot.de/movies/die-wilden-engel (aufgerufen 18.11.13)
[8] http://en.wikipedia.org/wiki/Screamadelica (aufgerufen 18.11.13)
[9] http://www.bbc.co.uk/music/reviews/f4qv (aufgerufen 18.11.13)

Foals: Total Life Forever

Albumcover des Foals Album "Total Life Forever"Knapp zwei Jahre liegen zwischen dem Debüt „Antidotes“ und dem neuen Foals Album. In diesen Jahren wurde an ihren Konzerten viel getanzt und viel Bier verschüttet. Bei „Total live forever“ haben Foals das Tempo merklich gedrosselt. Heisst das nun Feuerzeug statt Bier?

6 Minuten und 50 Sekunden, so lange dauert „Spanish Sahara“ die Vorabsingle von „Total Live Forever“. Knapp sieben Minuten, in denen der Song gemächlich aufbaut und mit unnachgiebigen Gitarren seinen Höhepunkt erreicht. Dies ist deshalb so erwähnenswert, da Foals auf ihrem Erstling noch mit kurzen, streng getimten Songs überzeugten. Auf ihrem Nachfolger lassen sie sich mehr Freiheiten und nehmen sich dafür auch die Zeit: Ganze drei Songs durchbrechen die 6 Minuten Grenze.

Auf dem Opener „Blue Blood“ mischt sich die überraschend sanft erklingende Stimme des Frontmann Yannis Philippakis mit spährischen Gitarren. In „This Orient“ liessen sie sich vermutlich von ihren Tourpartnern „Bloc Party“ insprieren, denn dieser Song hätte genauso auf dessen Album „Weekend in the city“ erscheinen können. In “Black Gold“ zeigen sich wieder die altbekannten Foals, mit dem Hang zum Disco-Punk und der streng, mathematischen Rhythmik. Textlich wirkt das Album ernster als sein Vorgänger. “The future’s not what it used to be” ertönt es in “Black Gold”, „I know a place, where I can go when I’m low down“ in „Total life forever“.

Insgesamt entwickeln sich Foals in „Total live forever“ weiter: Die Lyrics sind tiefgründiger geworden und die Melodien eingängiger. Die Stärken des Albums sind die monumentalen, aufbauenden Songs, allen voran „Spanish Sahara“. Dennoch wird auch bei der Tour mit dem Zweitling keine Tanzfläche leer bleiben.

Puls Films, Foals – Spanish Sahara, 28.4.2011, http://vimeo.com/22990179 (Abgerufen am 19.11.2013).

John Frusciante: Shadows Collide With People (2004)

Shadows Collide With People (Album Cover)

Shadows Collide With People (Album Cover)

John Frusciante ist schon ein verrückter Mensch. Stets galt in seinem Leben nur das Prinzip „alles oder nichts“, der sichere Mittelweg schien ihm zu wenig, Kompromisse würden zu einem Verlust an Authentizität führen. „Kunst muss radikal sein“, so lautet das Credo des Ex-Gitarristen der Red Hot Chili Peppers, das er für gewöhnlich sehr streng befolgt. Was ihn als Musiker in die höchsten Sphären empor schiessen liess, leitete beinahe seinen Untergang als Mensch ein, als er Mitte der Neunziger Jahre nur noch ein physisches Wrack und süchtig nach Heroin war. Musik veröffentlichte er – wenn überhaupt –, um sich mit dessen Erlös ausreichend Stoff besorgen zu können; Frusciante nagelte sich buchstäblich seinen eigenen Sarg zu.

Doch irgendwie fand der Gitarrist den Rank wieder, besiegte seine Drogensucht und konnte sich – mit neuem Gebiss zwar – erneut bei den Chili Peppers und deren Album „Californication“ (1999) einklinken. Der menschliche Mittelweg war gefunden, musikalisch hingegen blieb er schonungslos wie eh und je.
Nachdem Frusciante endlich wieder fest im Leben stand, beschloss er, all dies nachzuholen, was er während der Jahren der Drogenabhängigkeit von 1993 bis 1997 verpasst hatte, und stürzte sich neben der Arbeit mit den Peppers in zahlreiche Solo-Projekte.

„I was sick and tired of people dismissing my records as being fucked-up and unprofessional“, sagte er Anfang 2004 in Anlehnung an seine von der Heroinsucht ausgezehrten Aufnahmen der 90er Jahre, und verkündete sodann, in den nächsten sechs Monaten ganze sechs Alben veröffentlichen zu wollen – wahrlich ein Monsterprojekt für einen Solokünstler. Ziemlich irre, dieser Frusciante.

Das erste Werk dieses Kreativ-Marathons trägt den Titel „Shadows Collide with People“ und deutet erstaunlicherweise kaum darauf hin, dass dessen Urheber hauptberuflich Gitarrist bei einer bis Rockband ist, die sich längst stadionfüllenden Hymnen gewidmet hat und deren PR-Maschinerie stets auf Hochtouren läuft. Im Gegenteil, das Werk stellt eine regelrechte künstlerische Explosion dar, Jahre des Elends, aber auch der Freude finden sich hier – auf 18 grundehrlichen Songs – dicht vereint. Das Album beginnt mit dem sechsminütigen Opener „Carvel“, bei dem Gitarren, Synthesizer und mehrstimmiger Gesang zu einem furiosen Chorus zusammenprallen. Dabei demonstriert Frusciante gleich, wie variantenreich doch seine ansonsten eher feingliedrige Stimme ist: Mal rau, verzweifelt schreiend, mal engelsgleich oder dann beruhigend tief – „Carvel“ ist eine Wucht von Intro. Mit „Omission“ geht’s etwas gemächlicher, aber keinesfalls weniger aufregend weiter. Der Song ist wunderbar melancholisch, bietet einige ausgeklügelte Tempiwechsel und ein verträumtes Gitarrensolo. Das gesamte Album kommt überhaupt eher ruhig daher, einzige Ausnahmen: „Second Walk“, ein kurzes, punkiges Lied, das auf jeglichen Schnickschnack verzichtet, das moderne Rock’n’Roll-Stück „Water“ und „This Cold“, ohnehin der Übersong des Albums, der mit rasanter Geschwindigkeit dahinprescht, aber dennoch in ein ausgesprochen melodiöses, gar poppiges Gewand gekleidet ist.

Noch so ein Schmuckstück ist in der Mitte des Albums zu finden. Der Folkpop-Song „Song to Sing When I’m Lonely“ stimmt den Hörer bereits nach den ersten Akkorden traurig, allerdings auf eine wunderschöne Art. Frusciante reflektiert darin seine düsteren Tage während seiner Heroinsucht und die Furcht vor einem Rückfall: „Hello when I’m crashing, feeling nothing when my life’s flashing before my eyes.“

„Shadows Collide with People“ strotzt nur so vor Abwechslungsreichtum, Virtuosität, und schreckt auch nicht zurück, an so manchen Stellen zu experimentieren: John Frusciante hat sich mit diesem Werk auf seine eigene, radikale Weise verwirklicht. (kbr)

John Frusciante: Shadows Collide with People, Warner Bros., 2004.

Line-Up: John Frusciante und Josh Klinghoffer (Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer, Keyboard, Perkussion), Chad Smith (Schlagzeug), Omar Rodrigues (Slide-Gitarre bei „Chances“ und „23 Go in to End“), Flea (Bass)

Trackliste: 1. Carvel; 2. Omission; 3. Regret; 4. Ricky; 5. Second Walk; 6. Every Person; 7. Double-0 Ghost 27; 8. Wednesday’s Song; 9. This Cold; 10. Failure 33 Object; 11. Song to Sing When I’m Lonely; 12. Time Goes Back; 13. In Relief; 14. Water; 15. Cut-Out; 16. Chances; 17. 23 Go in to End; 18. The Slaughter

Laufzeit: 64:41 min

 Stil: Alternative Rock/Folk, Experimental Rock

 Alle Lieder von John Frusciante, ausser „Omission“ und „Double-0 Ghost“ (John Frusciante und Josh Klinghoffer); aufgenommen und abgemischt in den Cello Studios, Hollywood (CA); Mastering von Bernie Grundman