Tracy Chapman: „Tracy Chapman“ (1988)

Dieses Bild einer Frau mit einer Gitarre hat etwas Zeitloses: es zeigt nicht nur eine Folk-Poetin, die die Welt mit ihrer Musik begeistert, sondern auch eine Frau, die die Kehrseite des American Dream beleuchtet – Tracy Chapman.

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„This album was made for the right reasons“1

1988 veröffentlichte sie ihr Debüt-Album und war wesentlich daran beteiligt, die Singer/Songwriter in den Achtzigern wieder ins Rampenlicht zu rücken. Nicht zuletzt wegen ihrem Auftritt an Nelson Mandelas siebzigstem Geburtstag erlangte sie kommerziellen Erfolg und mehrere internationale Platin-Auszeichnungen. Ihr Produzent, David Kershenbaum, sagte gegenüber dem „Rolling Stone“, dass „Tracy Chapman“ ein Album sei, das aus den richtigen Gründen geschrieben wurde, ein Album, das einen grossen Schritt in Richtung der Überwindung sozialer und kultureller Barrieren geleistet habe.

tracychapman-630-80Mit selbst komponierten und schlichten Folksong-Arrangements regen die Songs, nicht nur zum ausspannen und hinhören an, sondern auch zum nachdenken und philosophieren. Wie ein aufgeschlagenes Tagebuch der Achtziger singt Tracy Chapman über häusliche Gewalt, Rassismus, ungleiche gesellschaftliche Chancenverteilung, das Ringen um Anerkennung, Armut und Ausgrenzung, über unterschiedlichste Lasten des Alltags, aber auch über Verständnis und Zusammenhalt. Chapman verbindet ihre Lyrics, die bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben, mit der kraftvollen und zugleich samtenen Stimme und erzeugt eine intime Atmosphäre. Stilistisch bedient sich das Album des Neo-Folks, einer der vielen Retro-Stilen des Alternativerocks. Akustische Instrumentierung mit Gitarren, Trommeln, Flöten, aber auch Synthesizer-Klänge, sind charakteristisch für dieses Subgenre. Verdienterweise findet sich „Tracy Chapman“ nicht nur auf Platz 10 der 100 Besten Alben der 80er Jahre der „Rolling Stone“, sondern hat 1989 auch vier Grammys in den Kategorien ‚Best New Artist’, Best Female Pop Vocal Performance’ und ‚Best Contemporary Folk Recording’ gewonnen. Der Gegensatz von aktuellen, lebensnahen Themen und klassischer Singer-Songwriter Produktion ist, was dieses Album mit Ohrwurmcharakter ausmacht und zugleich die Traditionen mit einer ironiefreien Selbstverständlichkeit in die Gegenwart befördert. (el)

 


Literaturhinweise:

  1. Erlewine, Stephen Thomas: http://www.allmusic.com/album/tracy-chapman-mw0000199023 (Abgerufen: 15.06.2014).
  2. User, http://www.sputnikmusic.com/review/1380/Tracy-Chapman-Tracy-Chapman/ (Abgerufen: 15.06.2014)
  3. Wikipedia.com: http://en.wikipedia.org/wiki/Tracy_Chapman_(album) (Abgerufen: 15.06.2014).
  4. Wikipedia.com: http://en.wikipedia.org/wiki/Tracy_Chapman (Abgerufen: 15.06.2014).

Fussnoten:

The Avett Brothers – Magpie And The Dandelion

Gemütliche Lagerfeuer-Atmosphäre, eingängige Gespräche unter Freunden und fröhliches Beisammensein: Magpie and the Dandelion, das neue Album der Avett Brothers stahlt Intimität aus. Trotz sieben vorangegangenen Alben scheinen den Folk-Rock-Jungs die Ideen für tolle Songs noch lange nicht auszugehen.

Gerade mal ein gutes Jahr nach ihrem letzten Album The Carpenter veröffentlicht die Folk-Rock-Band The Avett Brothers ihr achtes Album Magpie and the Dandelion. Die Songs dazu entstanden schon während den Aufnahmen des vorangegangenen Albums. Die berechtigte Befürchtung, in diesem Werk könnten sich bloss die gesammelten Mängelexemplare der letzten Studio-Session wiederfinden wird aber glücklicherweise nicht bestätigt. Melancholische Cowboy-Akkorde und Harmoniegesang treffen auf fröhliche Tanzmusik und die Avett Brothers spielen sich direkt in unser Herz.

Das Album startet poppig und fröhlich mit „Open-Ended Life“. Mundharmonika, Banjo, Fiedel und Gitarre lassen es krachen und machen Lust auf mehr. Der Text handelt vom Streben nach verantwortungsfreier Heimatlosigkeit, der Freiheit, alle Zelte abzubrechen und zu reisen. Darauf folgen verschiedene Balladen, allesamt herzzerreissend und tiefgehend. Sie treffen den richtigen Nerv, geben das Gefühl, ein guter Freund teile seine Sorgen, Ängste und Erfahrungen mit. Dabei sticht „Morning Song“ mit seinem epischen Finale aus Chor, Streichern und Klavier hervor. Die dem Album vorausgegangene Single „Another Is Waiting“ unterbricht die Serie der Balladen. Der übermütige Song hat eine rockig eingängige und ausgelassene Melodie und mit dem Harmoniegesang geht die Post ab. „Bring Your Love To Me“ wirkt daneben vergleichsweise seicht und eher langweilig im Klang und wird seiner romantischen Botschaft nicht gerecht. Das wiederum ist bei „Good To You“ durch den gefühlvollen Harmoniegesang absolut gelungen. „Vanity“ überrascht dann wie „Another is Waiting“ im rockigen Kleid. So finden die Avett Brothers in diesem Album die richtige Balance zwischen Melancholie und Ausgelassenheit.

„Taken as a whole, it feels like a calmly loving missive from friends who offer wise counsel, but know well enough to interrogate their own motives along the way.“1

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Quellen

  1. Stephen Thompson: First Listen. The Avett Brothers, ‚Magpie And The Dandelion‘. www.npr.com. 08.10.2013. http://www.npr.org/2013/10/03/228941827/first-listen-the-avett-brothers-magpie-and-the-dandelion#playlist (Abgerufen: 10.01.2014)

Linda Perhacs

Zu Beginn ihrer künstlerischen Karriere hätte sich Linda Perhacs wohl kaum vorstellen können, dass ihr Album Parallelograms rund 30 Jahre nach der Veröffentlichung im Jahr 1970 noch grossen Erfolg feiern würde. In einem aktuellen Interview mit Sound Colour Vibration erzählt die Psychedelic-Folk-Sängerin davon, dass ihre Musik zur Zeit der ersten Veröffentlichung nur dürftige Aufmerksamkeit von Musikredakteuren erlangen konnte, mit der Folge, dass ihre Musik nicht am Radio gespielt wurde.1 Entmutigt durch den Misserfolg und die zurückhaltende Unterstützung ihres Labels kehrte Linda Perhacs der Musikindustrie den Rücken und fand zu ihrer ursprünglichen Arbeit als Dentalhygienikerin zurück. 

In den folgenden Jahren aber gewann ihr Album mit dem Aufkommen des Internets nach und nach an eingeschworenen Fans. Dadurch wurde das Folk-Label The Wild Places  Anfang 2000 auf Linda Perhacs aufmerksam und verbrachte zwei Jahre damit, die Dentalhygienikerin ausfindig zu machen.2 Als Michael Piper die Künstlerin endlich erreichte und ihr von der Popularität ihres Albums berichtete, fiel diese aus allen Wolken:
Linda Perhacs: „This news from Michael was a total shock to me! It was during that time when the internet was becoming really big. Up until that time, I didn’t even own a computer, let alone know anything about the internet, but my dear friend Bill had helped me and we were starting to at least partially understand just how much interest people from all walks of life and from all over the world appreciated Parallelograms.“3

Im Jahr 2005 wurde eine digital überarbeitete Ausgabe von Parallelograms vom Folk-Label The Wild Places herausgegeben, das sich im Gegensatz zur Erstveröffentlichung gut verkaufte. Heute zählen Künstler wie Daft Punk, Devendra Banhart, Opeth, Julia Holter und Sonic Youths Kim Gordon zu ihren Bewunderern. Momentan arbeitet sie an ihrem zweiten Album4, das diesen Dezember herauskommen soll.

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Quellen

  1. Sound Colour Vibration. http://soundcolourvibration.com/2013/03/22/qa-with-linda-perhacs/ – Abgerufen: 29.11.2013
  2. Wikipedia (en). Parallelograms (album). http://en.wikipedia.org/wiki/Parallelograms_(album) – Abgerufen: 29.11.2013
  3. Sound Colour Vibration. http://soundcolourvibration.com/2013/03/22/qa-with-linda-perhacs/ – Abgerufen: 29.11.2013
  4. timelesslindaperhacs.com. About.  http://www.timelesslindaperhacs.com/About.html – Abgerufen: 04.11.2013

Nick Drake: Five Leaves Left (Island, 1969)

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Five Years Left hatte der britische Folk-Sänger und Gitarrist Nick Drake noch, als im September 1969 sein Debütalbum „Five Leaves Left“ erschien. Ende 1974 verstarb er, sechsundzwanzigjährig, an einer Überdosis Antidepressiva. Im Song „Fruit Tree“ singt er: „Safe in your place deep in the earth / That’s when they’ll know what you were really worth.“ Eine Zeile, die im Rückblick auf Drakes Leben geradezu prophetisch anmutet.
Drei Alben veröffentlichte er zu Lebzeiten: „Five Leaves Left“ (1969), „Bryter Layter“ (1970) und „Pink Moon“ (1972). Keines davon avancierte zum Verkaufserfolg. Erst mehr als ein Jahrzehnt danach erhielt seine Musik ein breiteres Publikum, nicht zuletzt da Musiker wie Robert Smith (The Cure) oder Peter Buck (R.E.M.) sich als von Drake beeinflusst outeten1

Das Debüt „Five Leaves Left“ stellt einen Musiker vor, dessen unverkennbare Stimme, klar wie Kristall, und präzises Gitarrenspiel – jede einzelne Note ist hörbar! – eine einzigartige Stimmung schaffen. Die Songs, pendelnd in Grenzbereichen zwischen Folk, Jazz, Blues und Klassischer Musik, sind oft unterlegt von Streicherarrangements. Diese haben Robert Kirby, dessen Debüt als Arranger das Album ebenfalls ist, respektive Harry Robertson im Falle von „River Man“ beigesteuert.

Obschon ein typisches Kind seiner Zeit, hat „Five Leaves Left“, abseits aller Marihuana-Euphemismen2 und Feld-Wald-und-Wiesen-Ästhetik, Qualitäten, die es auch fast 45 Jahre später noch zu einem modernen Album – man könnte auch „zeitlos“ sagen – machen. Es sind mystische Qualitäten, beispielhaft vorhanden in „‘Cello Song“, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Das Konzept ist simpel: Drakes Gesang, ein rastloses Gitarren-Pattern, dezent eingesetzte Congas und eine rasiermesserscharfe Cellomelodie, die das Ganze von Zeit zu Zeit durchschneidet – die Stimmung, die hierbei von den beteiligten Musikern sowie von Produzent Joe Boyd erzeugt wird, liegt fernab mir geläufiger Worte, lässt sich nur hörend erfahren:

Es ist gerade diese Sprachlosigkeit, die Atmosphäre, die Worte transzendiert, ja überflüssig macht, die Drakes Musik auch anno 2013 noch faszinierend und modern erscheinen lässt.


  1. http://en.wikipedia.org/wiki/Nick_Drake
  2. „The Thoughts of Mary Jane“. Vgl. Humphries, Patrick. Nick Drake: The Biography. Bloomsbury Publishers: 2012; 94.

Fleet Foxes – Fleet Foxes

Fleet Foxes Album Cover

Fleet Foxes Album Cover

Fleet Foxes bekennen sich stolz zu ihren musikalischen Ursprüngen: Die fünf Männer aus Seattle picken sich die Rosinen aus ihrem weiten Spektrum an Musikrichtungen wie Appalachian Folk, Classic Rock und Country und schaffen etwas Eigenes aus der Musik ihrer Grossväter oder Vorbildern wie „Crosby, Stills, Nash & Young“.1 Sie lassen verloren geglaubte Melodien wiederaufleben.

Das Debut der Band hört sich an, als ob es in den Wäldern von Seattle aufgenommen wurde. Der heraldische Opener „Sun it rises“ unterstützt dieses Gefühl: Beim Hören des Songs sieht man die Sonne hinter dem verschneiten Berg aufgehen. „Blue Ridge Mountains“ wartet mit einem einprägsamen Gitarren-Lick und sanften Stimmharmonien auf. In „heard them stirring“ ist die Stimme des Frontmanns Robin Pecknolds ohne Lyrics zu hören, dennoch scheint der Song seine eigene Geschichte zu erzählen.2 Harmonien spielen bei Fleet Foxes eine ebenso wichtige Rolle wie die Texte.
In „White Winter Hymnal“ singt Pecknold: I was following the pack/ All swallowed in their coats/ With scarves of red tied ‚round their throats/ To keep their little heads/ From fallin‘ in the snow“ Wie der Text interpretiert werden möchte, ist jedem selber überlassen, dennoch zeichnet der Song Bilder einer märchenhaften Welt.

Auf dem Albumcover ist das Pieter Bruegel Gemälde „Die niederländischen Sprichwörter“ zu erkennen, so ungewöhnlich dies für eine zeitgenössische Band ist, so klar sind doch die Parallelen zum Kunstwerk: Das Album weist immer wieder neue überraschende Wendungen auf und bietet eine Reihe an Stilen.3 Mit dem letzten Song „Oliver James“ kostet Pecknold jede verbleibende Sekunde aus und es scheint als wollte er uns nicht mehr in die Realität zurücklassen. Und wir – wir verbleiben gern in dieser Musik.

Subpoprecords, Fleet Foxes -White Winter Hymnal (OFFICIAL Video), 08.07.2008, http://www.youtube.com/watch?v=DrQRS40OKNE&feature=youtu.be (Abgerufen am 04.12.2013).


Melanie Safka – Cyclone (1976)

Photograph Album Cover

Photograph Album Cover (abgerufen am 3.12.13)

Zielgerichtet steuerte er die Theke an. „Dieses Album habe ich überall gesucht! Das musst du einfach gehört haben!“.  Wie oft hatte ich diesen Spruch von meinem Vater schon gehört. Eine grauhaarige aber dennoch junge Frau in Hippiekleidern lächelte mich vom Albumcover an. Melanie Safka. Photograph. Noch nie gehört. Im ganzen Museum der Rock and Roll Hall of Fame wurde ihr Name nicht einmal erwähnt. Trotzdem beharrte mein Vater darauf, dass sie in einem Atemzug mit Janis Joplin und den anderen Woodstock-Helden genannt werden durfte. Ich hörte mir das Album also an. Und wurde von der Single „Cyclone“ weggeblasen.

Das Album „Photograph“ erschien 1976 bei Atlantic Records. Obwohl es von der New York Times als eines der besten Alben des Jahres betitelt wurde, fand die Scheibe beim Publikum keinen Anklang und ging als Flop in die Musikgeschichte ein.[1] Das, obwohl Melanie Safka mehre Jahre daran schrieb und mit der ersten Singleauskopplung „Cyclone“ zunächst einen kommerziellen Erfolg feiern durfte. Danach ging das Album und dessen Schöpferin jedoch sang und klanglos in den weiten der Musikwelt unter[2] und wurden erst Jahre später von verrückten Fans wie meinem Vater wieder ausgegraben. Safka selbst tourt heute noch immer fast jedes Jahr und wird dabei oft von ihrem Sohn Beau Jarred als Gitarrist begleitet.[3]

Die Singleauskopplung „Cyclone“ ist energiegeladenes Stück mit guten arrangierten Tempi-Wechseln. Getragen wird der Song von der beeindruckenden Rock-Röhre der Sängerin Melanie Safka. Es ist kaum zu glauben, dass der Song 37 Jahre alt sein soll. Er könnte genau so gut als Titelsong der nächsten amerikanischen Crime-Scene Serie fungieren oder vom nächsten Castingkanditat mit Herzblut vorgetragen werden. Die Jury, jedenfalls, würde bestimmt toben.
(mak)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=lOXv4bpAoNE[/youtube]


[1] Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Photograph_(Melanie_album) (abgerufen am 3.12.13)

[2] Allmusic: http://www.allmusic.com/album/photograph-mw0000546219 (abgerufen am 3.12.13)

[3] Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Melanie_Safka (abgerufen am 4.12.13)

Bright Eyes – I’m Wide Awake, It’s Morning

I'm Wide Awake, It's Morning

I’m Wide Awake, It’s Morning

Conor Oberst bringt im Jahr 2005 mit den Bright Eyes sein siebtes Studioalbum ‚I’m Wide Awake, It’s Morning’ heraus. Im gleichen Jahr wird auch das Synthie-Album ‚Digital Ash in a Digital Urn’ veröffentlicht, welches sich jedoch klar vom sonst typischen Stil der Bright Eyes abhebt. Nicht so bei ‚I’m Wide Awake, It’s Morning’: Conor bleibt sich und seinem Stil auf dieser Platte treu. Die Songs sind folkig, zurückhaltend, nicht überladen, aber von einer unglaublichen poetischen Tiefe. Das Album erhält nach der Erscheinung vornehmend positive Kritik und ordnet sich bald auf den vorderen Rängen der US-Charts ein. Seine Texte sind auch auf diesem Studioalbum sehr politisch; Conor Oberst drückt in seinen Liedern gerne Abneigung gegen den amerikanischen Präsidenten George W. Bush und dessen Politik aus. Das Album wird durch eine ca. ein-minütige Textpassage eingeläutet: voller Sarkasmus wird eine Flugzeugabsturzszene geschildert. Anschließend startet der Song ‚At the Bottom of Everything‘, ein 3-Akkord-Folksong – mit einer mitreißenden Rhythmik und einem höchst ironischen textlichen Umgang.

Durch Passagen in diesem Stück wie „While my mother waters plants, my father loads his guns“ und „We must memorize nine numbers and deny we have a soul. And in this endless race for property and privilege to be won, we must run, we must run, we must run“ wird seine Ablehnung des amerikanischen Systems deutlicher denn je.

Auch im ruhigeren Song ‚Land Locked Blues, in welchem Conor gesanglich von Emmylou Harris begleitet wird, wird dieser Zynismus aufs Äußerste getrieben und sogar zelebriert:

„And there’s kids playing guns in the street, and ones pointing his tree branch at me. So I put my hands up, I say “enough is enough, If you walk away, I’ll walk away”. And he shot me dead.“ Oder weiter: But greed is a bottomless pit, and our freedom’s a joke, we’re just taking a piss. And the whole world must watch the sad comic display. If you’re still free start running away, ‚cause we’re coming for you!“

Andere Songs beschäftigen sich mit dem Scheitern der Liebe. Conors Lyrics sind herzzerreißend, ehrlich, tiefempfunden und jedes einzelne Wort wäre zitierwürdig. Die innere Zerrissenheit des Poeten trifft den Zuhörenden an seinen wundesten Stellen und ruft nur schon durch die Musik selbst, eine unbeschreibliche Emotionalität hervor. Jede Zeile schafft es eine Identifikation herzustellen. So singt er in ‚Lua‚ und in ‚Poison Oak von Einsamkeit („When everything is lonely I can be my own best friend“  „We might die from medication but we sure killed all the pain“ / “The end of paralysis. I was a statuette. Now I’m drunk as hell on a piano bench. And when I press the keys, it all gets reversed. The sound of loneliness makes me happier“) in ‚At the Bottom of Everything von Selbstzweifel („I’m happy just because 
I found out I am really no one“) in ‚We Are Nowhere and It’s Now von Gott („Why are you scared to dream of god, when it’s salvation that you want?“) und in ‚Poison Oak von bedeutungslosem Sex („The love I sell you in the evening, by the morning won’t exist). Der zittrige, emotionale Gesang von Conor Oberst lässt ewigen, durchgekauten Themen eine erstaunliche Glaubwürdigkeit zukommen.

Die Musik von Bright Eyes funktioniert vor allem über den Text. Die zurückhaltenden Instrumente und oft einfach gehaltenen Melodien lassen diesen gebürtig zur Geltung kommen. Bright Eyes experimentieren musikalisch stets ein bisschen – Elemente aus der Folk- und Country-Musik gehören aber eigentlich zum festen Bestandteil dieser Band. Ihre Musik ist in der traditionellen Rockmusik und dessen Country- und Folk-Wuzeln verankert. Sie unterschieden sich aber in einem grundlegend Punkt von sonstigen Bands in diesem Genre: Ihr Umgang ist von einem starken Zynismus geprägt. Conor Oberst beweist mit diesem Album wieder einmal aufs Neue, wie unglaublich talentiert ein Musiker sein kann.

Quelle:

lastfm (Abgerufen am 03.12.2013)

Josephine Foster – I’m a Dreamer (2013)

[youtube width=“530″ height=“315″]http://www.youtube.com/watch?v=NfdBZUFWHFs[/youtube]

Das Intro des Songs ähnelt einer Szene aus einem Schwarzweissfilm.  Mit wenigen Worten singt die verträumte weibliche Stimme von der romantischen Gemächlichkeit des Seins. Die Frau singt behaglich mit einer mütterlichen Art von ihren Träumen und ihrer Liebe. Während die lauschigen Klänge wie von einem Grammophon erklingen, versinkt man unweigerlich in süsser Nostalgie. In einer Kritik von Sam Sheperd meint er zum gleichnamigen Album: „This is an album that appears to have been written, recorded and performed in an entirely different era.“1
Josephine Foster trägt die nostalgische Schwere von welcher sie singt gleichsam mit selbstverständlicher Leichtigkeit. Durch ihren bescheidenen und gemächlichen Stil fällt es einem nicht schwer, das Lied mehrere Male nacheinander zu hören. Die abwechselnde harmonische Begleitung von Klavier, Bass, sanfter Perkussion und teils mit der Mundharmonika unterstützen das wohlige Gefühl, das sich beim Zuhören einstellt.
Die Musik Josephine Fosters überzeugt durch ihre authentische Schlichtheit, welche sich selbst genügt: Das Lied besteht hauptsächlich aus leichten Nuancierungen der Worte „I’m a Dreamer“, und veranschaulicht eine warme Einfachheit, welche sich selbst genügt. „[The album] is never going to set the world alight with innovative new sounds, but these songs are perfect little gems that possess a timeless quality. A great song is a great song after all, and Josephine Foster has great songs in abundance.“2

Der musikalische Werdegang Josephine Fosters ist erstaunlich vielseitig: Zu Beginn spielte sie an Hochzeiten und Beerdigungen, nahm im Jahr 2000 ihr erstes Album („There are Eyes Above“) auf, welches hauptsächlich Ukulele-Lieder beinhaltete, gab 2001 ein Kinderlied-Album („Little Life“) heraus, und veröffentlichte bis heute neun weitere Alben3, welche von Einflüssen aus Psychedelia, Flamenco oder amerikanischem Folk geprägt sind.4
Neben der Musik malt Josephine Foster, schreibt Gedichte und unterrichtet Gesang.
In einem Interview mit Harmonic Rooms meint sie dazu: „When there is variety in the Nature: it stimulates the Nature.“ (10:00)

Auch in den anderen Songs auf dem Album „I’m a Dreamer“ erzählt Josephine mit warmer Stimme Geschichten von Begegnungen, Schönheit und Erinnerungen.
Die geerdete Musik sorgt für eine Entschleunigung im alltäglichen Leben und zaubert mit süsser Melancholie ein (vielleicht vergessenes) Lächeln leise zurück auf die Lippen.

Drei ihrer frühen Alben können hier gehört werden.
Ihre Diskographie ist hier einsehbar.

(mwu)

Vashti Bunyan – Just Another Diamond Day (1970)

„Die in Zitaten aufgelöste Gegenwart erzeugt eine Sehnsucht nach Originalen, wie man sie am ehesten in den verborgenen Winkeln der Popbestände zu finden glaubt. Und sei es, dass sie gar keine Musik mehr machen, sondern Kühlschränke entsorgen.“1

Vashti Bunyan um 1970

Vashti Bunyan um 1970.

Als die zierliche Vashti Bunyan im Jahr 1970 ihr Solo-Debutalbum „Just Another Diamond Day“ veröffentlichte, blieb das Werk der damals 25-jährigen Sängerin aus Newcastle beinahe komplett unbeachtet. Und die wenigen Kritiker, die sich überhaupt mit dem Album beschäftigten, machten sich über das naive Blumenmädchen mit der engelsgleichen Stimme und dessen tagträumenden „hippy dippy“-Idealismus lustig.2 „Just Another Diamond Day“ avancierte zu einem kommerziellen Reinfall, kaum hundert Platten konnten davon verkauft werden.3 Dieser Misserfolg traf Vashti Bunyan – auch in Anbetracht der überaus persönlichen Themen, die sie in ihren Songs verarbeitete – mitten ins Herz. Kurz darauf hängte sie nämlich nicht nur ihre Karriere als Musikerin an den Nagel, sondern soll angeblich, wie ein Rezensent von altmusic den Mythos um ihre Person unlängst weitersponn, noch Jahrzehnte danach nicht mehr gewagt haben, ausserhalb ihres eigenen Hauses zu singen.
Im Laufe der Jahre jedoch entwickelte sich das von Joe Boyd produzierte „Just Another Diamond Day“ zu einem regelrechten „Heiligen Gral“ für Plattensammler4, zuweilen wurden Original-LPs für bis zu 1000 Dollar versteigert.5 Als das Label Spinney Records eine bearbeitete Neuauflage des Albums auf den Markt brachte6, hatte das Werk längst Kultstatus erreicht, und wurde als Wiederentdeckung eines verlorenen Klassikers gefeiert; einem tiefgründigen Relikt flüsternd-ruhiger Folksongs aus einer ursprünglicheren Zeit,7 gar  –  auf seine eigene, einfache Art – als nahezu perfektes Werk.8 Vom grauen, hässlichen Entlein zum anmutigen Schwan: Vashti Bunyans „Just Another Diamond Day“ wurde von einem obskuren Stück nordenglischer Folkmusik zu einem „echten“ Klassiker hochstilisiert.

http://youtu.be/5WKHTW9oucA

  1. Fellmann, Christoph: Wenn der Flop der wahre Hit ist, in: Tages Anzeiger vom 4.7.2013 – http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/kultur/Wenn-der-Flop-der-wahre-Hit-ist/23857047/print.html (1.12.2013)
  2. http://altmusic.about.com/od/top10lists/tp/Obscure-Albums-That-Became-Classics.htm (3.12.2013)
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. http://pitchfork.com/reviews/albums/1135-just-another-diamond-day (3.12.2013)
  6. http://en.wikipedia.org/wiki/Just_Another_Diamond_Day (3.12.2013)
  7. http://altmusic.about.com/od/top10lists/tp/Obscure-Albums-That-Became-Classics.htm (3.12.2013)
  8. http://pitchfork.com/reviews/albums/1135-just-another-diamond-day (3.12.2013)