Com Truise

„A hundred million corpses broadcast through history are no more than a puff of smoke in the imagination.“1

Hauntology („Hauntology has been used to describe a gathering of disparate artists dealing in „haunted“ sonics; music resonating with the emotions and feelings of past analog, and digital ghosts“2) und Chillwave sind sich seit ein paar Jahren stark am entwickeln und ausbreiten: Musikströmungen wie Dubstep und Witch-House werden zunehmend ernster genommen und erhalten ihren eigenen Platz in der Musikwelt.

Eine spannende Figur hierbei ist der amerikanische Künstler und Musiker Seth Haley alias Com Truise: er macht elektronische Musik, welche stark von den Stilen der 80er Jahren beeinflusst ist. 2010 erschien eine erste EP und im Juni 2011 folgte dann das erste Album: ‚Galactic Melt’. Ein Jahr später brachte Com Truise sein zweites Album ‚In Decay’ auf den Markt (vgl. Wikipedia).

Com Truise

Com Truise

Sein Stil ist äußerst experimentell; schwer und schwebeleicht zugleich. Er selbst bezeichnet das als “mid-fi synth-wave, slow-motion funk” (vgl. lastfm). Unter ständig änderndem Pseudonym macht Haley nun schon gut ein Jahrzehnt Musik. Er bezieht sich dabei auf mehr als nur eine Band: seine Musik verzeichnet Einflüsse von Künstlern wie Joy Division, New Order, oder den Cocteau Twins. Ihm gelingt es produktive Stränge zu den verschiedensten Genres zu schlagen. Sein Sound ist futuristisch und nostalgisch zugleich.

Jacques Derrida, der den Begriff Hauntology 1993 erstmals einführte, wies korrekt darauf hin, dass „die Nicht-Präsenz der Geister es verlangt, die Historizität, die Zeitlichkeit und die Einzigartigkeit zu betrachten“3 (was der Begriff Hauntology ja auch auszudrücken versucht). Und Com Truise probiert diesem Verlangen über seine Musik Abhilfe zu schaffen.


Literatur:

Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011.

Bild:

http://www.lifelounge.com.au/resources/IMGRELATED/ComTruise8.jpg (Abgerufen am 26.11.13)

  1. 8tracks (Abgerufen am 26.11.13)
  2. 14tracks (Abgerufen am 26.11.13)
  3. DEBUG (Abgerufen am 26.11.13)

The Focus Group: „Sketches and Spells“ (2004)

„Diese Musik ist von und für Shoppers, die vom durchwühlen von alten Büchern und Schallplatten auf Wohltätigkeitsbasaren mit dreckigen Fingern nach Hause kehren. Sie ist so erfrischend wie eine heisse Tasse Tee auf dem Flohmarkt, serviert vom Verkaufsstand der Kirche, bei dem man trotz all den Nippsachen von Sven Hassels Novellen bis verfleckten Flanellhemden nichts zu kaufen gefunden hat.“1

House - Spells and Sketches

Die Rede ist vom 2004 erschienen Hauntology Album „Sketches and Spells“. Dreh- und Angelpunkt ist Julian House, als Grafiker, Musiker und Mitinhaber des britischen Musiklabels Ghost Box Music. House, bekannt für seine Plattencovers für Oasis, Razorlight oder Primal Scream, veröffentlichte unter dem Namen The Focus Group seine erste CD „Sketches and Spells“.2 Houses graphischer Stil ist stark durch Collagen geprägt, in denen er nicht immer exakt ausgeschnittene Schnipsel von Alltagsgegenständen zu einem abstrakten Ganzen zusammenfügt.3 Auch sein musikalisches Schaffen lebt von diesem Ansatz des ‚Bad’ oder ‚Cluncky Design’. Als Fan dieser avantgardistischen Herangehensweise erzielt House diesen Effekt durch ‚schlechtes’ Looping: endlose Samples mit verändertem Anfangs- und Endpunkt, so dass es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, zu unterscheiden, welches Sample welches ist. So gleicht der musikalische Stil einem kaleidoskopischen Hörerlebnis von Musique Concrète, über 70er Jahre Soundtracks von Dokumentarfilmen, Library Music (dt. Produktionsmusik), Radiomusikeffekte und Horrorfilm Samples, die durch eine Art akustischen Leim zusammengehalten werden. „Sketches und Spells“ entführt in eine rätselhafte und unerklärliche Welt von Oboen, indischen Sitars, Kirchenglocken, abstrakten Jazzmotiven und sonstigen klanglichen Bruchstücken, die zu einem mystischen, ja vielleicht spukhaften Nebel von Synthesizern verschmelzen. Mit dem ‚hauntologischen’ Ansatz dreht sich bei „Sketches und Spells“ letztlich alles um die Kraft der Erinnerung an die Vergangenheit, aber auch um die Zerbrechlichkeit derselben. Denn: Gegenwärtiges gibt es ohne Vergangenheit nicht, so das Verständnis von Derridas Begriff ‚Hauntology‘. „Sketches and Spells“ entführt in eine Sphäre, die die Aufmerksamkeit, gleich wie bei Flohmärkten, in einen nostalgischen Bann zieht und  zwischen dem Dasein und Nichtdasein schwebend, sich vom ‚Geist der Vergangenheit’ ernährt.4 (el)

 


Fussnoten:

  1. http://www.stylusmagazine.com/review.php?ID=3469 (Abgerufen 15.06.2014).
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House (Abgerufen: 15.06.2014); http://diffidentdissonance.wordpress.com/2011/02/13/promised-works-the-focus-group-sketches-and-spells/ (Abgerufen: 15.06.2014).
  3. Die folgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf: Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture′s Addiction To Its Own Past. London: Faber and Faber Ltd, 2011, 328-344.
  4. http://en.wikipedia.org/wiki/Hauntology (Abgerufen: 15.06.2014).

Boards of Canada

Hauntology. Der durch Jaques Derrida eingeführte Begriff hört sich geisterhaft an und genau das ist es auch, was durch ihn vermittelt werden soll. Derrida möchte mit Hauntology ausdrücken, dass die Gegenwart immer von den Geistern der Vergangenheit eingenommen sein wird. Die Existenz des Gegenwärtigen ohne den Rückbezug zum Vergangenen gibt es nicht.[1]

Plattenfirmen wie Tri Angel oder Ghost Box stehen repräsentativ für die Bewegung der Hauntology in der elektronischen Musik. Die zum Einsatz kommenden Effekte, wie z.B. gebrochene Rhythmen und Samples aus Film und TV tragen dazu bei, dass sich eine gewisse Nostalgie verbreitet, sobald die Musik angestellt wird.[2]

Das schottische Musiker-Duo Boards of Canada (BoC) könnte man als Vorreiter der britischen Hauntology Bewegung ansehen. Die Musik der beiden Brüder lässt sich als Mix aus Electronica und Psychedelica beschreiben. Es finden sich in zahlreichen Songs jedoch auch geloopte Breakbeats, was den Zusammenhang zum HipHop aufzeigt.[3]
Durchgehend erzeugen die Songs von Boards of Canada eine eher unheimliche Atmosphäre und ziehen den Hörer somit in den Bann des Vergangenen. Eine Besonderheit findet sich bei BoC darin, dass sie keine digitalen, sondern analoge Aufnahmeverfahren verwenden, wodurch ein noch intensiverer Bezug zur Vergangenheit geschaffen werden soll.[4]
Ein weiteres Merkmal, welches den Hörer in eine andere Zeit zurückkatapultiert, ist der Einsatz von Samples aus älteren Filmen und Melodien aus dem TV. Diese sind nicht immer direkt erkennbar, da sie z.B. rückwärts abgespielt werden, jedoch verstärken sie, teilweise bewusst, teilweise unbewusst, die vorherrschenden Nostalgie.

Die Besessenheit von der „Vergangenheit in der Gegenwart“[5] kann wohl als kreativer Antrieb von Boards of Canada angesehen werden. Sie erwecken die Geister der Vergangenheit zum Leben.

(Lh)

 

Hörbeispiel

 


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Hauntology

[2] http://www.zeit.de/kultur/musik/2012-02/ctm-hauntology

[3] Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 333.

[4] Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 331.

[5] Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 330.

The Focus Group

Seltsame und unheimliche Musik, Klänge, die wie aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, sind das Markenzeichen von Julian Houses Musik. Er veröffentlicht seine Musik unter dem Alias „The Focus Group“.[1] Seine musikalischen Werke können als elektronische Collage aus verschiedenen anderen Klängen und Vertonungen bezeichnet werden. House vewendet für seine Musik eine Kombination aus analogen und digitalen Quellen.[2] Das Projekt „The Focus Group“ wurde unter dem Label Ghost Box in London veröffentlich.[3] Er und Jim Jupp sind die Gründer dieses Plattenlabels.[4] Die gleichermassen angenehme und doch irgendwie beunruhigende Musik ist inspiriert durch Elektronika der 50iger Jahre, durch 60er Jahre Brittish Jazz und 70er Jahre Library Music.[5] Das Debut Album von „ The Focus Group“ ist Sketches and Spells.[6]

Doch Julian House ist nicht nur Musiker, sondern auch Grafiker und ist berühmt für seine Plattencovers. Seine berühmtesten Designs entwarf er für Stereolab, Oasis, The Prodigy und Broadcast.[7] Die Arbeiten als Grafiker, wie auch seien musikalischen Werke sind praktisch immer Gollagen.[8] Die grafischen Designs sind zusammenschnitte von verschiedenen Bildern und seine Musik sind zusammenschnitte von verschiedenen Vertonungen. (jl)

 


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House#Music

[2] http://www.allmusic.com/artist/focus-group-mn0002127031/biography

[3] http://www.allmusic.com/artist/focus-group-mn0002127031/biography

[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House

[5] http://www.allmusic.com/artist/focus-group-mn0002127031/biography

[6] http://www.allmusic.com/artist/focus-group-mn0002127031/biography

[7] http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House

[8] http://www.allmusic.com/artist/focus-group-mn0002127031/biography

„Hong Kong in the 60s“ in Brighton in the 00s: Hauntology at its Best

https://soundcloud.com/frontandfollow/hong-kong-in-the-60s-summers

Das Trio verweist mit ihrem Namen ‚Hong Kong in the 60s’ auf die Sechzigerjahre und auf eine Stadt, die damals im medialen und industriellen Umbruch war, sowie Naturkatastrophen überstehen musste. Der Song „Summer’s Bird“ der britischen Band mit internationalen Wurzeln erinnert an einen freien, freundlichen Sommer in den Sechzigern: melodiöse Parallelen mit Stereolab1 (einflussreiche, alternative Band aus den 90er), kombiniert mit elektronischen Loops und erinnert stimmlich an Folkmusik, an Hippiesound aus den Sechzigern. Die Band sieht sich selbst als Verarbeiter von einst bekannten Indietracks und ihren Geister.2

Hong Kong in the 60s, Bandfoto, 2009, Facebookbild

The ghosts of Indietracks past. Hong Kong in the 60s. Bandfoto.

Veröffentlicht wurde der Track auf der Compilation „The Outer Church“ bei front & follow und von Joseph Stannard3, ein Musikkritiker bei The Wire, Mojo und The Quietus. Ab 2009 hat Stannard in Brighton eine Konzertreihe names The Outer Church organisiert, deshalb sind auf dem Album diverse Hauntology4-Künstler – durch Geister (Vergangenes) angereicherte, sinnliche, elektronische Musik – vertreten, denn die meisten traten einst in seiner ‚Kirche’ auf.

Alle Tracks sind Neuveröffentlichungen und hausgemachte, quietschende, dunkle, kratzende,  gespenstische Klänge: „Together they advance the argument that something weird is stirring in modern music which resists categorisation, manifesting itself in unsettling cadences and temporal distortions across a wide variety of occult strategies.“5 Der Track #12 „Summer’s Bird“ sticht auf Grund seiner positiven Stimmung hervor, denn er vereint harmonisch die darin widerspiegelten Zeiten – bunt und frei, wie ein Sommervogel.