David Bowie: „Pin Ups“ (1973)

„Verhängnisvollerweise nicht wirklich interessant oder spannend, sogar als Kuriosität“1 – so lauten kritische Stimmen im Internet. Es geht um das 1973 erschienene Cover-Album „Pin Ups“, das die Anhänger von David Bowie kopfkratzend und unbeeindruckt, ja sogar gelangweilt, im Regen stehen lässt.

cover_59291919112009Als eine bizarre Umsetzung seines sonst verfolgten Credos ‚sei wer du willst, kleide dich wie du willst und sei deiner Umwelt einen Schritt voraus’2, äussert sich Bowies Visionärsgeist paradoxerweise in einem nostalgischen Rückgriff auf die Londoner Beat-Szene der 60er Jahre. Auf dem Album „Pin Ups“ sind Titel wie „Rosalyn“ von den The Pretty Things, „Where Have All The Good Times Gone“ von den The Kinks sowie der Them-Klassiker „Here Comes the Night“ zu finden, die nach ein und derselben Formel gecovert wurden, so scheint es: ein sich wiederholendes Gitarrenriff zu radiotypischen Melodien. 

Erst dieses Jahr im Oktober wurde ein seit 1972 ungehörtes und von Bowie selbst produziertes Radio Programm ‚per Zufall’ in einem Archiv gefunden.3

In der am 23.10.13 auf BBC ausgestrahlten Sendung argumentieren die Moderatoren, dass Bowie Songs coverte, die damals kurioserweise zu Klassikern erklärt worden sind, obwohl sie erst acht Jahre auf dem Markt waren. Nach den Meinungen der Bowie-Hörer aber, wäre dieses Album besser erst in den 90er oder sogar 2000er Jahren erschienen. Das vernichtende Fazit lautet: David Bowie muss ein geldgieriger, wahnsinniger Bursche (engl. a lad insane; Anspielung auf Bowies Album „Aladdin Sane“) gewesen sein, „Pin Ups“ damals zu veröffentlichen. Die Frage nach der Geldgier im Rahmen der allgemeinen, nostalgischen sowie ironischen Rückgriffen der 80er Jahre Musik bleibt an dieser Stelle offen. Es bleibt nur zu hoffen, dass David Bowies 2013-Comeback, das mit einem am 2. November erscheinenden Box-Set „The Next Day Extra“, in die Verlängerung geht, nicht als eine Wiederholung dieser Ironie scheitert. (el)

 


Literaturhinweise:

  1. Artsbeat.blogs.nytimes.com: http://artsbeat.blogs.nytimes.com/2013/10/22/bbc-radio-to-resurface-a-bowie-promotion-from-1973/?_r=0 (abgerufen 18.11.13)
  2. BBC.co.uk: http://www.bbc.co.uk/news/entertainment-arts-24624600 (abgerufen 18.11.13)
  3. Spiegel.de: http://www.spiegel.de/thema/david_bowie/ (abgerufen 18.11.13)
  4. Sputnikmusic.com: http://www.sputnikmusic.com/review/30206/David-Bowie-Pin-Ups/ (abgerufen 18.11.13)
  5. Ultimate-guitar.com: http://www.ultimate-guitar.com/reviews/compact_discs/david_bowie/pin_ups/ (abgerufen 18.11.13)

Fussnoten:

The Jesus and Mary Chain – Phil Spectors Wall of Sound im Stile des Noise-Rock

«Too much echo? What does that mean?», Spector asked. There could never be too much echo.1

Washington Heights, Manhattan, zu Beginn der 60er-Jahre. Drei junge Frauen mit identisch schlichter, gleichwohl eleganter Kleidung und derselben schicken Hochsteckfrisur treten gemeinsam als «The Ronettes» auf. Mit dem Song Be My Baby landet die Girl-Group 1963 ihren ersten Hit, produziert wird das von Phil Spector, Jeff Barry, und Ellie Greenwich geschriebene Lied komplett in Spectors typischer Vision des Wall of Sound2: Eine Pop-Symphonie, die mit jedem Vers mehr Schwung aufbaut, getrieben von galoppierenden Kastagnetten und gedämpften Piano-Akkorden, und die schliesslich ihre maximale Dichte in einer majestätischen Konvergenz von Gesang, Streicher, Bläsern und donnernder Perkussion erreicht.3

Die Brüder Jim und William Reid

Die Brüder Jim und William Reid um 1985.

Gut 20 Jahre später in East Kilbride im Süden Schottlands: Die Brüder Jim und William Reid veröffentlichen 1985 mit ihrer Band The Jesus and Mary Chain die Singleauskoppelung Just Like Honey.4 Mit dem berühmten «Be My Baby»-Schlagzeug-Intro, das hier jedoch vielmehr wie ein verzweifelter Schrei aus einem düsteren Keller klingt, beginnt diese verzerrte Hommage an Phil Spectors Wall of Sound. Seine Idee, alle Instrumente dicht zusammenzudrängen, um einen umfassenden Sound, einen «Klangwall» zu kreieren5, interpretieren die Reids hier komplett neu: Es entsteht ein nicht definierbarer, nicht fassbarer Wall of Sound, der mittels «Kreissägen-Gitarren»6 konstruiert wird, und dessen subtile Ironisierung dank der urcoolen, beinah teilnahmslosen Songpräsentation sowie den Steckdosen-Frisuren der Bandmitglieder gleich noch einen Tick wirkungsvoller erscheint.

 

  1. Thompson, Dave: The Biography of Phil Spector. Wall of Pain, 2004, S. 64.
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Ronettes#.22Be_My_Baby.22 (18.11.2013
  3. http://www.allmusic.com/song/be-my-baby-mt0010957979 (19.11.2013)
  4. http://www.laut.de/The-Jesus-And-Mary-Chain (18.11.2013)
  5. Thompson, Dave: The Biography of Phil Spector. Wall of Pain, 2004, S. 65.
  6. http://www.allmusic.com/song/just-like-honey-mt0008553522 (19.11.2013)

Beastie Boys: (You Gotta) Fight for Your Right (To Party!)

„(You Gotta) Fight for Your Right (To Party!)“ wurde 1986 mit dem Debüt-Album Licensed to Ill der Beastie Boys veröffentlicht. Es war der erste grosse Hit der New Yorker Hip-Hop-Band und ist noch immer einer ihrer bekanntesten Songs. Er erreichte Platz #7 der Billboard 100 Charts und wurde in die Rock and Roll Hall of Fame’s 500 Songs that Shaped Rock and Roll aufgenommen. Diese Tatsache an sich ist schon ironisch, denn der Sinn des Textes liegt ursprünglich darin, die Party-Attitüde der Rocker-Szene zu parodieren.1 Die Beastie Boys machen sich über die Rocker-Szene und deren Vertreter mit ihren stumpfsinnigen Party-Anthems lustig und beziehen sich dabei auf Songs wie „Smokin‘ in the Boys Room“ von Brownsville Station und „I Wanna Rock“ von Twisted Sister.2 Sie verhöhnen Einstellung und Haltung der Rockerszene bezüglich sinnloser Party-Macherei und Protestkultur. Der trotzige Ausruf „You Gotta Fight for Your Right To Party!“ steckt also voller Ironie, die  durch das Video noch unterstützt werden soll. Es zeigt eine Party, die ausartet, als plötzlich die „bösen Jungs“ auftauchen. Sie verkörpern die überspitzte Darstellung der dümmlichen Rocker-Attitüde, welche die Beastie Boys verabscheuen.

Der intendierte Spott ging jedoch bei den Hörern verloren: Fight for Your Right was the group’s first hit and helped establish the persona of the badass, take-no-shit, hard-rocking party boys that they totally weren’t, at all.3
Mike D, Gründungsmitglied der Beastie Boys, äusserte sich dazu folgendermassen: The only thing that upsets me is that we might have reinforced certain values of some people in our audience when our own values were actually totally different. There were tons of guys singing along to ‚Fight for Your Right‘ who were oblivious to the fact it was a total goof on them.“4

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Quellen

  1. Wikipedia (en). (You Gotta) Fight for Your Right (To Party!). http://en.wikipedia.org/wiki/(You_Gotta)_Fight_for_Your_Right_(To_Party!) (Abgerufen: 15.11.2013).
  2. Wikipedia (en). (You Gotta) Fight for Your Right (To Party!). http://en.wikipedia.org/wiki/(You_Gotta)_Fight_for_Your_Right_(To_Party!) (Abgerufen: 15.11.2013).
  3. Murdock, Colin. 6 Classic Songs That Were Supposed to Be Jokes. 2011. http://www.cracked.com/article_19420_6-classic-songs-that-were-supposed-to-be-jokes.html (Abgerufen: 15.11.2013).
  4. Wikipedia (en). (You Gotta) Fight for Your Right (To Party!). http://en.wikipedia.org/wiki/(You_Gotta)_Fight_for_Your_Right_(To_Party!) (Abgerufen: 15.11.2013).

Elvis Costello

Der musikalische Werdegang von Elvis Costello ist so vielschichtig, dass es schwierig ist, ihn irgendwo einzuordnen. Er wird oft als Genie und Erneuerer der Popmusik bezeichnet.[1] Wenn man seine Diskographie anschaut, fällt jedoch auf, dass seine Geschichte gespickt ist von Anspielungen auf die Vergangenheit. Seine Musik ist eine Reise durch eigentlich fast alle Epochen der Musikgeschichte [2].

Seinen Namen Elvis hat er als rebellisch-ironische Geste von Elvis Presley übernommen, um zu zeigen, dass er sich nicht in eine Schublade stecken lässt [3]. Inspiert wird seine Musik durch viele Grössen der Musikgeschichte und stellt ebendiese völlig auf den Kopf, seine Werke sind nicht selten Tribut und Parodie in einem. So sind zum Beispiel die ersten Alben von Elvis Costello voller Anspielungen auf die Grössen der 50er und 60er Jahre, wie die Beatles oder die Rolling Stones [4].

Die ganze Figur Elvis Castello ist eine Parodie auf einen stereotypen Rockstar. Er stellt sich selber gerne als einen Verlierer dar und er ist nicht der gutaussehende Frauenheld [5]. Seine Songs sind nicht selbstverherrlichend, wie sie viele Rockstars gerne spielen, sondern eher selbstironisch. Seine ganze Erscheinung ist in sich wiedersprüchlich. Einerseits trägt er dieselbe Brille, wie der Rockgott Buddy Holly und den Namen des King of Rock ’n Roll Elvis, gleichzeitig rebelliert er mit seiner ganzen Art gegen dieses Business, zu dem diese grossen Künstler gehören.

 


[1] http://www.laut.de/Elvis-Costello

[2] http://www.laut.de/Elvis-Costello

[3] http://programm.ard.de/?sendung=2872410596575123

[4] http://programm.ard.de/?sendung=2872410596575123

[5] http://www.shitesite.de/2002/10/06/hingehort-elvis-costello-this-years-model/

Dire Straits: Money for Nothing (1985)

Rockige Riffs und eine rauchige Stimme – Dire Straits vom feinsten!

Dire Straits - Money for Nothing

Money for Nothing Cover (Allmusic.com)

Die raue Melodie prägt sich vom ersten Moment an ins Gedächtnis ein. Wenn man jedoch genau auf den Text hört, sieht alles plötzlich ganz anders aus: Sänger Mark Knopfler singt nämlich aus der Perspektive einer Person, welche sich über das damalige Verhalten und die fragwürdigen Zustände der Musikindustrie aufregt1.

Worum es im Song geht, zeigt sich besonders klarim Musikvideo, in welchem 3D-animierte Handwerker einer Band (Dire Straits selbst) bei einem Live-Auftritt im Fernsehen betrachten. Die Arbeiter reagieren empört und wenden immer wieder ein: „That ain’t workin“. Es ärgert sie besonders, dass, während sie selbst eine harte Arbeit verrichten (Refrain: „We gotta install microwave ovens / Custom kitchens deliveries / We gotta move these refrigerators /We gotta move these colour TV’s“), die so genannten „Rockstars“ viel Geld und Ruhm dafür ernten, dass sie lediglich etwas Gitarre spielen und einen Hit auf MTV landen. Deshalb der Titel: „Money for Nothing … and chicks for free“. Mit einem Hauch von Bedauern wird hinzugefügt, dass die besagten Musiker deshalb gar nicht so blöd seien („that’s the way you do it / Lemme tell ya them guys ain’t dumb“), und dass sie selber anstatt Handwerker zu sein lieber auch hätten Musiker werden sollen („I shoulda learned to play the guitar / I shoulda learned to play them drums“).

Die Idee zu dem Song hatte Mark Knopfler eines Tages, als er in einem Elektroladen zwei Arbeiter beobachtete2, welche sich genervt über den Auftritt einer Band auf MTV unterhielten und die Mitglieder in ihrer Darbietung als „schwul“ bezeichneten (was Knopfler zur Authentizität direkt in den Text übernommen hat), wofür der Song dann aufs schärfste kritisiert und beispielsweise in Kanada verboten wurde3.

Der selbstironische Ton des Liedes zeigt sich dadurch, dass Knopfler durch die Figur eines Arbeiters die Musikszene anprangert, welcher er selbst angehört. Im Musikvideo macht sich der fiktive Arbeiter zudem über die verwöhnten und verweichlichten Rockmusiker im Fernsehen lustig, wobei die gezeigte Band Dire Straits selber ist. Es geht nur noch um die Show, das Oberflächliche, was nicht zuletzt MTV zu verdanken ist.

Musikvideo:
[youtube width=“420″ height=“315″]http://www.youtube.com/watch?v=wTP2RUD_cL0[/youtube]

Songtext:
z.B. auf Azlyrics.com

Weitere Infos zum Titel:
– Eintrag Wikipedia (en)
– Eintrag auf Musikzimmer.ch
– Eintrag von Soundonsound.com

(mwu)

  1. http://www.jochenscheytt.de/popsongs/moneyfornothing.html
  2. http://de.wikipedia.org/wiki/Money_for_Nothing
  3. http://www.rollingstone.com/music/news/dire-straits-money-for-nothing-banned-in-canada-20110114