Nick Drake: Five Leaves Left (Island, 1969)

Five_Leaves_Left

Five Years Left hatte der britische Folk-Sänger und Gitarrist Nick Drake noch, als im September 1969 sein Debütalbum „Five Leaves Left“ erschien. Ende 1974 verstarb er, sechsundzwanzigjährig, an einer Überdosis Antidepressiva. Im Song „Fruit Tree“ singt er: „Safe in your place deep in the earth / That’s when they’ll know what you were really worth.“ Eine Zeile, die im Rückblick auf Drakes Leben geradezu prophetisch anmutet.
Drei Alben veröffentlichte er zu Lebzeiten: „Five Leaves Left“ (1969), „Bryter Layter“ (1970) und „Pink Moon“ (1972). Keines davon avancierte zum Verkaufserfolg. Erst mehr als ein Jahrzehnt danach erhielt seine Musik ein breiteres Publikum, nicht zuletzt da Musiker wie Robert Smith (The Cure) oder Peter Buck (R.E.M.) sich als von Drake beeinflusst outeten1

Das Debüt „Five Leaves Left“ stellt einen Musiker vor, dessen unverkennbare Stimme, klar wie Kristall, und präzises Gitarrenspiel – jede einzelne Note ist hörbar! – eine einzigartige Stimmung schaffen. Die Songs, pendelnd in Grenzbereichen zwischen Folk, Jazz, Blues und Klassischer Musik, sind oft unterlegt von Streicherarrangements. Diese haben Robert Kirby, dessen Debüt als Arranger das Album ebenfalls ist, respektive Harry Robertson im Falle von „River Man“ beigesteuert.

Obschon ein typisches Kind seiner Zeit, hat „Five Leaves Left“, abseits aller Marihuana-Euphemismen2 und Feld-Wald-und-Wiesen-Ästhetik, Qualitäten, die es auch fast 45 Jahre später noch zu einem modernen Album – man könnte auch „zeitlos“ sagen – machen. Es sind mystische Qualitäten, beispielhaft vorhanden in „‘Cello Song“, die sich nur schwer in Worte fassen lassen. Das Konzept ist simpel: Drakes Gesang, ein rastloses Gitarren-Pattern, dezent eingesetzte Congas und eine rasiermesserscharfe Cellomelodie, die das Ganze von Zeit zu Zeit durchschneidet – die Stimmung, die hierbei von den beteiligten Musikern sowie von Produzent Joe Boyd erzeugt wird, liegt fernab mir geläufiger Worte, lässt sich nur hörend erfahren:

Es ist gerade diese Sprachlosigkeit, die Atmosphäre, die Worte transzendiert, ja überflüssig macht, die Drakes Musik auch anno 2013 noch faszinierend und modern erscheinen lässt.


  1. http://en.wikipedia.org/wiki/Nick_Drake
  2. „The Thoughts of Mary Jane“. Vgl. Humphries, Patrick. Nick Drake: The Biography. Bloomsbury Publishers: 2012; 94.

Jamie Cullum: Momentum (Island, 2013).

Momentum (Album Cover)

Momentum (Album Cover)

„Momentum“ ist das sechste Studioalbum von Jamie Cullum. Der englische Jazz-Pop Singer-Songwriter beschreibt das Album folgendermassen: „The album is all about that crossover period from youth into adulthood where you still have one foot in each.“[1]

Inwiefern äussert sich dieser Übergang ins Erwachsenenleben konkret? Bereits in der Vorgehensweise der Komposition des neuen Albums gibt es Unterschiede. Cullum wechselt label und verwendet erstmalig DIY home demos sowie I-Phone Apps. Eine Brücke zu seinen älteren Alben schlägt der erste Song „The Same Things“. Die energetische Rhythmusgruppe gibt diesem Song den „drive“, welcher sich als ein typisches Stilelement des ganzen Albums entpuppt. „When I Get Famous“ ist in einem parodistischen autobiographischen Zusammenhang zu betrachten. Der Song beginnt mit einer dramatischen, fast fanfarenartigen Intro aus Brassband, begleitenden Vocals und dem Leadgesang und gibt einen retrospektiven Blick auf die Zeit vor dem Ruhm des Künstlers. „Edge Of Something“ handelt davon nicht vor den wichtigen Dingen des Lebens wegzulaufen, enthält aber trotzdem den Abenteuergeist und die Lebhaftigkeit der Jugend. Somit stellt dieser Song den Übergang ins Erwachsenenleben exemplarisch dar.

„Momentum“ könnte mit der „Eigendynamik“, die das ganze Album umrahmt, übersetzt werden. Es ist voll von schlagkräftigen Songs. Hör Dir „Momentum“ ganz aktiv an, trau Dich von der Dynamik mitziehen zu lassen und versuch Dich so frei wie der Interpret selbst zu fühlen. (ys)

[1] Jamie Cullum: http://www.jamiecullum.com/biography (Abgerufen: 22.10.2013)

U2 – Achtung Baby (1991)

U2 Achtung Baby

Interpret: U2

Besetzung: Paul Hewson (Gesang und Gitarre), Dave Evans (Gitarre, Keyboards & Gesang), Adam Clayton (Bass Gitarre), Larry Mullen (Schlagzeug)

Album: Achtung Baby

Label: Island Records

Produktion: Daniel Lanois, Brian Eno

Studios: Hansa Ton Studios Berlin, Dog Town Dublin, S.T.S. Dublin, Windmill Lane Studios Dublin

Veröffentlichung: 18. November 1991

Songliste:

1. Zoo Station
2. Even Better than the Real Thing
3. One
4. Until the End of the World
5. Who’s gonna ride your Wild Horses
6. So Cruel
7. The Fly
8. Mysterious Ways
9. Tryin‘ to throw your Arms around the World
10. Ultraviolet (Light my Way)
11. Acrobat
12. Love is Blindness

 

Ende der 1980er-Jahre steht die irische Band U2 an einem Scheideweg. Sie ist zu einem der grössten Rock-Acts der Welt herangewachsen und bekannt geworden für ihre einzigartigen Live-Performances. Mit The Joshua Tree (1987) hat sie einen Meilenstein in der Geschichte der Rockmusik geschaffen, doch ihr darauffolgendes Album Rattle and Hum aus dem Jahre 1989 musste viel böse Kritik einstecken. Die Band bereiste in dieser Zeit Amerika und es wurde ihr vorgeworfen, sie versuche, die Welt über die Wurzeln der amerikanischen Musik zu belehren. Schliesslich realisierte die Band ihr fehlerhaftes Vorgehen selbst und gab öffentlich bekannt, sich eine kleine Auszeit zu nehmen, um ihren Traum neu aufzuwickeln. Sie reist nach Berlin, um sich von neuartigen, europäischen Musikstilen beeinflussen zu lassen.
Im Jahre 1991 veröffentlichen U2 Achtung Baby und bringen damit die ganze Welt zum Staunen. Viele Fans meinen, ihr Plattenspieler sei defekt, als der Eröffnungstitel Zoo Station aus ihren Boxen dröhnt. Wuchtig, industriell und elektronisch hört sich der Sound an. Ungewohnt, aber keinesfalls schlecht und die unverkennbaren schnellen, hohen Gitarrensounds von The Edge sind weiterhin vorhanden. The Fly wirkt genau so heavy und industriell und die Songs Even Better than the Real Thing und Mysterious Ways bringen zusätzliche Dance- und Funk-Elemente mit ein. Mit Until the End oft the World und Ultraviolet schaffen U2 weitere ihrer typischen schnellen Stadionhymnen, jedoch ebenfalls beeinflusst vom neuen Stil. Mit One gelingt der Band eine einzigartig starke und emotional geladene Ballade über menschliche Beziehungen. Es ist ein Song, der für die Rücksichtnahme und das Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen steht, sei es auf die ganze Welt oder ein Liebespaar oder eine Band bezogen. Weitere Themenschwerpunkte des Albums sind Veränderungen, Liebe und Lebenseinstellungen.
Bereits im Titel des Albums kündigt U2 ihre Verwandlung an. Mit dem Ausdruck „Achtung Baby“ soll aufmerksam gemacht werden auf etwas Neues, etwas zuvor noch nie da Gewesenes. Achtung Baby hört sich bis heute frisch und einzigartig an und ist ein zeitloses musikalisches Meisterwerk. Inspiriert vom kulturellen und politischen Wandel, welcher sich in Berlin vollzieht, erfinden sich U2 neu, wie es bis anhin nur wenigen Künstlern gelungen ist.

 

 

Ben Howard: The Burgh Island EP (Universal-Island, 2012).

 

Konzert im X-tra in Zürich vom 9. Dezember 2012. Bild: Jeannine Alice Schmid

Ben Howard am Konzert im X-tra in Zürich vom 9. Dezember 2012. Bild: Jeannine Alice Schmid

EP Cover: Ben Howard - The Burgh Island

EP Cover: Ben Howard – The Burgh Island

Wer ist Ben Howard? Vor fünf Jahren konnten wohl nur Wenige diese Frage beantworten. Die Bekanntheit des britischen Singer-Songwriters beschränkte sich damals auf die britischen Counties Cornwall und Devon, wo Ben Howard im Rahmen zwar kleiner, aber bis auf den letzten Platz ausverkauften Konzerte für Furore sorgte. Von dort aus schwappte seine Bekanntheit allmählich auf das ganze Vereinigte Königreich über. So wurde auch das Plattenlabel Island Records auf den Künstler aufmerksam, bei dem Ben Howard einen Vertrag unterzeichnete. Darauf legte er sein Journalismus Studium auf Eis und katapultierte sich mit Schwung in die Welt der Musik hinaus. Diesen Sommer spielte Ben Howard unter anderem zusammen mit „Mumford and Sons“und „The Vaccines auf dem Phoenix Park Festival in Dublin. Konzerte in den USA, Kanada und Australien waren innerhalb von 30 Minuten ausverkauft.1 Heute, fünf Jahre später, können wohl schon einige mehr eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage, wer Ben Howard sei, geben. Doch trotz des Erfolges, den die beiden von Ben Howard gewonnenen BRIT Awards für British Breakthrough Act und British Solo Male Artist bezeugen, ist der Künstler ein Geheimtipp geblieben.2

Ben Howards Debütalbum „Every Kingdom“, veröffentlicht im Jahr 2011, ist eine Komposition von Klängen der verschiedensten Instrumente, die – geleitet von seiner Stimme und Gitarre – auf unterschiedlichen Ebenen eigenständig funktionieren, aneinander vorbeistreifen, sich kreuzen und schliesslich als Ganzheit in einem Feuerwerk explodieren. Die Texte seiner Lieder sind philosophisch und gesellschaftskritisch („Everything“), es sind Oden an die Trauer oder die Liebe („Gracious“ respektive „Only Love“). Gemeinsam haben alle seine Songs, dass sie sich demjenigen, der gewillt ist aufmerksam zu Lauschen, ins Gedächtnis und ins Herz brennen und dort für immer bleiben.

Während auf dem Album „Every Kingdom“ teils auch herzhaft-fröhliche Lieder wie „The Wolves“ ihren Platz finden, ist die im Jahr 2012 veröffentlichte EP „The Burgh Island“ bedeutend melancholischer und dunkler, was daran liegen mag, dass Ben Howard seine Songs mit einer elektrischen Gitarre zum Leben erweckt. Für „Every Kingdom“ nahm Ben Howard noch meist die traditionelle akustische Gitarre in die Hand. Die vier Lieder auf dieser Platte besitzen eine Intensität, die bis in die Seele eindringt. Sie nehmen einen mit auf eine Reise mit den unterschiedlichsten Zielen: „To be Alone“ führt einen in die Tiefen der Einsamkeit, „Oats in the Water“ in unbekannte Gewässer, „Burgh Island“ nach Hause und „Esmerelda“ zu verlorener Liebe. Die Songs auf dem EP „The Burgh Island“ fesseln das Ohr genauso, wie der Videoclip zu „Esmerelda das Auge. Kurios, beeindruckend und voller Wucht preschen die (Schall-)Wellen auf den Körper und die Klippen ein. Ein rückwärts-laufendes graphisches Meisterwerk, das Ben Howard’s Musik widerspiegelt und ins Maximum verstärkt. Diese Intensität mag von einigen nur mit Mühe zu ertragen oder zu verstehen sein. So können die oft kritischen, traurigen und düsteren Texte und Klänge als depressiv empfunden werden. Vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb Ben Howard noch immer eine Art von Insidertipp ist. Doch auf die Kritik, er mache depressive Musik, meinte Ben Howard an seinem Konzert in Zürich am 9. Dezember 2012 nur mit einem Lächeln: „You know, in my eyes depressing music can sometimes be quite uplifting.“

Weiteres Lesen: www.benhowardmusic.co.ukwww.facebook.com/benhowardmusic

Weiteres Hören: „Every Kingdom“ (2011)

Quellen:

  1. http://www.benhowardmusic.co.uk/news/ <21.10.13> 
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/Ben_Howard <21.10.13>