Action Bronson: Blue Chips 2 (2013)

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Eine ruhige, langweilige Autofahrt, im Radio läuft irgend ein Lied, nichts Besonderes. – Doch dann beginnt jemand auf dem Rücksitz zum Lied aus dem Radio zu rappen. Es ist vorbei mit der Ruhe, der Langeweile weicht Gelächter und der Unterhaltungswert der Fahrt steigt.
Action Bronson müsste dieser Jemand sein, der mit einer Leichtigkeit über die von Youtube stammenden Samples rappt.1 Party Supplies, der das Album produziert hat, macht sich nicht die Mühe, die Herkunft seiner Samples zu vertuschen. Eher umgekehrt. So rapt Bronson im Lied Silverado leicht erkennbar über den geloopten Anfang von Elton Johns „Island Girl“, in „Pepe Lopez“ über den Partyhit „Tequilla“ von the Champs,  und  in „Through the eyes of a G“ über den geloopten Beginn von Quincy Jones „Summer in the city“.2 Neben der leichten Erkennbarkeit der Samples, sind es aber vor allem die Reime, die den grossen Unterhaltungswert des Mixtapes ausmachen. Auch wenn die sonst so üblichen Foodporn Referenzen spärlicher ausfallen, so rapt er immer vor allem über das Highwerden, Nutten charmieren und Geld schmuggeln3 Aber nicht nur; die eingestreuten Metaphern, zur rapüblichen Selbststilisierung, sind oft von einer seltenen Absurdität und seine Punchlines kommen oft ohne dramaturgische Klimax aus dem Nichts. Zum Glück kommt dabei auch die Selbstironie nicht zu kurz, wenn er rappt, „why the fu** would i have a bodyguard, when I look like the muthafu**ing bodyguard“.

Action Bronson, der Sohn eines albanischen Immigranten und einer New Yorker Jüdin, dessen Stil oft mit dem von Ghostface Killer verglichen wurde, emanzipiert sich zusehends von diesem Vergleich und manifestiert mit diesem Mixtape seine Eigensinnigkeit. Es ist sein achtes Projekt in den letzten drei Jahren und bei so einem Output muss man mitunter zügig arbeiten. Dies hört man Blue Chips auch an, es ist kein konzeptionell durchdachtes Album. Frei vom Anspruch ein Meisterwerk liefern zu müssen, ist es vielmehr ein Mixtape, dass mit einer eigenwilligen Leichtigkeit daherkommt und mit einer Prise Absurdität bestens unterhält. (Stg)

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=O5KtVd07fcc[/youtube]

Four Tet: „Beautiful Rewind“ (2013)

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„No pre order, no youtube trailers, no itunes stream, no spotify, no amazon deal, no charts, no bit coin deal, no last minute rick rubin“1 – mit diesen Worten kündigte Four Tet im July 2013 sein neues Album auf Twitter an.

Das im Oktober erschienene Werk erinnert an einen akustischen Van Gogh mit distinkter musikalischer Textur und psychedelisch luftigem Gefühl. Kieran Hebden und Van Gogh teilen beide die Faszination, verschiedene (Klang)Farben und Beschaffenheiten zu einer schlichten Komposition verschmelzen zu lassen. Mit einer schier grenzenlosen Kreativität mischt Kieran Samples aus verschiedensten Stilrichtungen wie Hip-Hop, Electronica, Techno, Grime, Jazz, Folk und Jungle zu inspirierter House-Musik. Mit selbst eingespielten Schlagzeugsampeln und einfachen Gitarrenharmonien wird diese Platte zu Hebdens ganz persönlicher, pasticheartigen Hommage an die House-Subkultur.

ft_text025lp_beautifulrewind_550pxDie etwas chaotische und urbane Eröffnung durch „Gong“, einer Kollaboration mit Burial, wird durch das mechanische Geklimper und die dampfige Stimmung von „Parallel Jalebi“ etwas beruhigt. „Kool FM“ spielt auf eine legendäre UK-Piraten-Radiostation während der Rave- und Jungle-Ära an und abstrahiert den abgehackten Rhythmus und den kernigen Sound der Masters of Ceremonies der Zeit.2 „Aerial“ präsentiert sich als tanzbare, kreative und psychedelische Mischung zu konstanten Rhythmen, wenn auch die gesprochenen Fetzen soweit verfremdet wurden, dass sie zu einer unfokussierten Geräuschkulisse werden. Im Gegensatz dazu steht „Unicorn“, ein schimmernder Pool aus verschiedenen Melodien, bei dem Hebden als Zauberer von OZ hypnotische Kräfte entfesselt und ein musikalisches Dampfbad erzeugt. Die einzelnen Elemente von „Beautiful Rewind“ sind zu einer Klang-Collage zusammengeschnipselt worden und vereinen sich als eine rastlose, romantische Erinnerung an vergängliche Augenblicke der neueren Popmusikgeschichte – als träumerischen Chillout-Moment für 2013 nur zu empfehlen.

Four Tet: Beautiful Rewind

Tracks: 1. Gong (3:14), 2. Parallel Jalebi (3:53), 3. Our Navigation (3:53), 4. Ba Teaches Yoga (3:19), 5. Kool FM (5:09), 6. Crush (2:25), 7.Buchla (4:11), 8. Aerial (5:56), 9. Ever Never (0:31), 10. Unicorn (3:30), 11. Your Body Feels (4:03)

Label: Text Records

Spieldauer: 40:04

Erschienen: 15. Oktober 2013

(el)


Literaturhinweise:

  1. Battaglia, Andy: http://www.rollingstone.com/music/albumreviews/beautiful-rewind-20131018 (Abgerufen: 15.06.2014).
  2. Gaerig, Andrew: Four Tet – Beautiful Rewind. http://pitchfork.com/reviews/albums/18649-four-tet-beautiful-rewind/ (Abgerufen: 15.06.2014).
  3. Kellman, Andy: Four Tet – Beautiful Rewind.   http://www.allmusic.com/album/beautiful-rewind-mw0002579685 (Abgerufen: 15.06.2014).

Fussnoten:

Gotan Project – Santa Maria (Del Buen Ayre)

Als ich meinen Vater einmal subtil und ein Hauch besserwisserisch eine Andeutung machte, dass seine neue Komposition einige Läufe aus einem bestehendem klassischen Werk enthält, wies er mich darauf hin, dass die Tätigkeit ja nicht umsonst nicht Erfinden, sondern Komponieren hiesse, was ursprünglich aus dem lateinischen componere also ‚Zusammenfügen’ kommt.

Diese Tatsache gewann mit der zunehmenden Verbreitung des Samplings eine ganz neue Bedeutung. Mit der Musik von Gotan Project ist durch die Vermischung verschiedener kultureller Elemente eine Stilrichtung entstanden, die bis dahin nicht existierte. Was eigentlich aus einer simplen Kombination einer rhythmischen Grundlage und Sampling von verschiedenen Sounds besteht ist gleichzeitig eine raffinierte (und äusserst erfolgreiche) Mixtur von Alt und Neu.

Diese Synthese in Santa Maria (Del Buen Ayre) deutlich zu erkennen. Der Ausgangspunkt der Musik besteht zunächst aus dem rhythmischen Grundgerüst, das sich grundsätzlich aus Drums und E-Bass zusammensetzt, welches dem Sound auch sein modernes, elektronisches Auftreten verleiht. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil bei diesem Stück und bei Gotan Project im Allgemeinen besteht aus dem Bandoneón, das fast ausschliesslich im argentinischen Tango verwendet wird. In diesem Fall bedienen sie sich dementsprechend eines klassischen Tango-Riffs aus der Entstehungszeit des Tangos etwa der 30er-Jahren, das seither erhalten blieb und besonders in Kombination mit diesem einzigartigen Instrument für Wiedererkennungswert sorgt. Das besagte Riff wird dann vermehrt repetiert und mit anderen elektronischen Sounds kombiniert. Die Gesangslinie beispielsweise klingt ebenfalls wie ein Sample, das wie ein Echo von weit her eingesetzt wird. Um das Gefühl der Metropole Buenos Aires noch zu verstärken arbeitet Gotan Project ausserdem sehr viel mit Geräuschen der Grossstadt.

Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart spiegelt sich auch im Titel, sowie im Videoclip des besagten Songs wieder. Der Titel Santa Maria (Del Buen Ayre)  benutzt die alte Benennung des Hafens, sowie die Schreibweise der Stadt, wie sie bei der Gründung von Buenos Aires verwendet wurde (Buenos Aires wurde damals mit „y“ geschrieben). Der Videoclip bildet diese Verschmelzung noch offensichtlicher ab: Obwohl der Clip in schwarz-weiss gehalten ist, gestaltet sich der Schnitt sehr modern. Auch die Umgebung und die tanzenden Pärchen zeichnen sich teilweise durch klassische Gesten des Tangos aus, wie beispielsweise durch den klassischen Tangoschuh oder die Mäntel, jedoch verknüpft mit modernen Elementen wie vorbeifahrenden Mini-Coopers im Hintergrund.

Vergangenheit und Gegenwart wird als Kontinuum widergegeben, wie es auch in der argentinischen Stadt spürbar ist – Neues und Altes prallen zusammen und ergibt sich als Palimpsest der Musik.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=e7xTPVihFFk[/youtube]

The Focus Group: „Sketches and Spells“ (2004)

„Diese Musik ist von und für Shoppers, die vom durchwühlen von alten Büchern und Schallplatten auf Wohltätigkeitsbasaren mit dreckigen Fingern nach Hause kehren. Sie ist so erfrischend wie eine heisse Tasse Tee auf dem Flohmarkt, serviert vom Verkaufsstand der Kirche, bei dem man trotz all den Nippsachen von Sven Hassels Novellen bis verfleckten Flanellhemden nichts zu kaufen gefunden hat.“1

House - Spells and Sketches

Die Rede ist vom 2004 erschienen Hauntology Album „Sketches and Spells“. Dreh- und Angelpunkt ist Julian House, als Grafiker, Musiker und Mitinhaber des britischen Musiklabels Ghost Box Music. House, bekannt für seine Plattencovers für Oasis, Razorlight oder Primal Scream, veröffentlichte unter dem Namen The Focus Group seine erste CD „Sketches and Spells“.2 Houses graphischer Stil ist stark durch Collagen geprägt, in denen er nicht immer exakt ausgeschnittene Schnipsel von Alltagsgegenständen zu einem abstrakten Ganzen zusammenfügt.3 Auch sein musikalisches Schaffen lebt von diesem Ansatz des ‚Bad’ oder ‚Cluncky Design’. Als Fan dieser avantgardistischen Herangehensweise erzielt House diesen Effekt durch ‚schlechtes’ Looping: endlose Samples mit verändertem Anfangs- und Endpunkt, so dass es schwierig, wenn nicht unmöglich ist, zu unterscheiden, welches Sample welches ist. So gleicht der musikalische Stil einem kaleidoskopischen Hörerlebnis von Musique Concrète, über 70er Jahre Soundtracks von Dokumentarfilmen, Library Music (dt. Produktionsmusik), Radiomusikeffekte und Horrorfilm Samples, die durch eine Art akustischen Leim zusammengehalten werden. „Sketches und Spells“ entführt in eine rätselhafte und unerklärliche Welt von Oboen, indischen Sitars, Kirchenglocken, abstrakten Jazzmotiven und sonstigen klanglichen Bruchstücken, die zu einem mystischen, ja vielleicht spukhaften Nebel von Synthesizern verschmelzen. Mit dem ‚hauntologischen’ Ansatz dreht sich bei „Sketches und Spells“ letztlich alles um die Kraft der Erinnerung an die Vergangenheit, aber auch um die Zerbrechlichkeit derselben. Denn: Gegenwärtiges gibt es ohne Vergangenheit nicht, so das Verständnis von Derridas Begriff ‚Hauntology‘. „Sketches and Spells“ entführt in eine Sphäre, die die Aufmerksamkeit, gleich wie bei Flohmärkten, in einen nostalgischen Bann zieht und  zwischen dem Dasein und Nichtdasein schwebend, sich vom ‚Geist der Vergangenheit’ ernährt.4 (el)

 


Fussnoten:

  1. http://www.stylusmagazine.com/review.php?ID=3469 (Abgerufen 15.06.2014).
  2. http://en.wikipedia.org/wiki/Julian_House (Abgerufen: 15.06.2014); http://diffidentdissonance.wordpress.com/2011/02/13/promised-works-the-focus-group-sketches-and-spells/ (Abgerufen: 15.06.2014).
  3. Die folgenden Ausführungen beruhen im Wesentlichen auf: Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture′s Addiction To Its Own Past. London: Faber and Faber Ltd, 2011, 328-344.
  4. http://en.wikipedia.org/wiki/Hauntology (Abgerufen: 15.06.2014).

Massive Attack – «Safe from Harm» oder: Ein Bass-Groove in einem neuen Kontext

Der Wind pfeift, schleppend dröhnt die Basslinie, begleitet von gemächlichen Schlagzeugschlägen. Geräuschlos wie eine Schlange gleiten wir mit der Kamera hinein in ein heruntergekommenes Hochhaus. Die ganze Szene wirkt lieblos, düster, kalt. Die Gänge sind eng, das Treppenhaus mit Graffitis vollgeschmiert, die Typen zwielichtig, das  Interieur des Gebäudes verwahrlost, und als schrille Synthesizer-Melodien einsetzen, verdichtet sich die Atmosphäre mehr und mehr zu einem bedrohlichen Unbehagen. Erst mit dem Einsatz von Shara Nelsons Gesang1 lichtet sich die bedrückende Dichte etwas, gleichwohl bleibt das mulmige Gefühl, um Mitternacht mutterseelenalleine auf einem Friedhof zu sein, denn Nelsons klagenden Verse wirken keineswegs beruhigend: «Midnight ronkers, city slickers, gunmen and maniacs, all will feature on the freakshow – and I can’t do nothing about that, no.»

Die Beschreibung des Videoclips zu «Safe from Harm» (1991) von Massive Attack mag an eine gruselige Szene aus einem Horror-Streifen erinnern, der Trip-Hop-Klassiker ist aber mehr als nur ein einfacher, vorgegaukelter Spuk. Im Song stecken nämlich tatsächlich einige „Geister“2 (zumindest akustischer Natur): Der treibende Bass- und Schlagzeug-Groove etwa basiert auf einem Segment von Billy Cobhams Jazz-Fusion-Stück «Stratus», nur rissen die Mitglieder von Massive Attack dieses Fragment komplett aus seiner ursprünglichen musikalischen Umgebung heraus, setzten es in einen völlig neuen, eigenen Kontext, und warfen dabei den ganzen Jazz-Improvisations-Kram über Bord, der für Cobham wahrscheinlich wirklich von Bedeutung war.3 Immerhin: Die Einkünfte aus diesem lizenzierten Sampling dürften Billy Cobham (der in den Credits zu „Safe from Harm“ aufgeführt wird) diese Neukontextualisierung vermutlich ausreichend versüsst haben.4


  1. http://en.wikipedia.org/wiki/Safe_from_Harm_(song) (26.11.2013)
  2. Vgl. dazu: Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past, London 2011, Kapitel «Ghosts of the Future Past»
  3. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past, London 2011, S. 288.
  4. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past, London 2011, S. 288

Daft Punk – Discovery

Daft Punk ist ein französisches Electro-Pop-Duo, das in den späten 90er-Jahren durch seine Kombination von House- und Synthpop-Elementen bekannt geworden ist. Die zwei Pariser scheinen ein goldenes Händchen für Samples zu haben.

2011 wurde ihr zweites Album veröffentlicht, Discovery. Bangalter betont, dass Daft Punks Art des Samplings wegen ihrer Transparenz legitim sei und dass sie nicht verstecken wollen, woher ihre Einflüsse stammen, so ist zum Beispiel im Track „Digital Love“ein Sample von George Dukes zu erkennen 1.

Thomas Bangalter sagt: „This album has a lot to do with our childhood and the memories of the state we were in at that stage of our lives. It’s about our personal relationship to that time. It’s less of a tribute to the music from 1975 to 1985 as an era and more about focusing on the time when we were zero to ten years old. When you’re a child you don’t judge or analyze music. You just like it because you like it.“2

Die vier Songs dieses Albums, bei denen Samples genutzt werden3 :

„Harder, Better, Faster, Stronger“ war einer der erfolgreichsten Songs von Daft Punk. Im Oktober 2011 wurde er vom Musik-Magazin New Musical Express zu einem der 150 besten Tracks der letzten 15 Jahre gekürt. 2007 wurde eine Live-Version des Songs veröffentlicht, die Samples der Daft-Punk-Songs  „Television Rules the Nation“, „Around the World“„Steam Machine“ enthält und die im Jahre 2009 den Grammy Award for Best Dance Recording gewann.4 Daft Punk schafft einerseits aus 1970er-Songs mitreissende, tanzbare Musik und andererseits auch durch Kombination ihrer eigenen Titeln.


Girl Talk aka DJ Gregg Gillis

DJ Gregg Gillis aka Girl Talk

DJ Gregg Gillis aka Girl Talk

Gregg Gillis begann schon in der Highschool damit, mit Sampling und elektronischer Musik zu experimentieren. Als er an die Universität in Cleveland kam, versuchte er sich in verschiedenen Kollaborationen, die nicht zu Stande kamen. So gründete er schliesslich Girl Talk. Worauf der Name beruht, wird von Gregg Gillis in verschiedenen Verisonen erzählt. Zum Einen sagt er er hätte ihn von einem Gedicht von Jim Morrison (Sänger von The Doors), dann aber auch attributiert er es zur Band Tad. Vor allem bezeichnet er den Begriff jedoch als pop culture phrase, die für eine grosse Zahl verschiedene Dinge stehen kann. Bis heute hat er mit Girl Talk fünf LP’s veröffentlicht.1

In der Hälfte der 2000er-Jahre nahm der Hype um Mash-Ups nach einem vorgängigen Höhenflug rasant ab. Aber nicht für lange. 2008 trat DJ Gregg Gillis mit seinem Soloprojekt Girl Talk auf die Bühne, nach Simon Reynolds bracht er eine neue Art mit sich, wie man die Menge begeistern kann mit Tracks, die geschickt zusammengeschnitten werden und einer eindrücklichen Liveshow.2 Ebenfalls Reynolds bezeichnet die Musik von Gillis als neu in dem Sinne, dass sie unglaublich viele (nicht autorisierte) Samples in kurzem Zeitraum enthält, diese jedoch mit einer technischen Perfektion glatt aufeinander abgestimmt sind (Reynolds braucht hier den englischen Begriff „Slickness“). Gillis nimmt für seine Tracks Werke aus allen Epochen der Musikgeschichte und mischt sie neu zusammen. So kann jeder, der die Musik hört, Bekanntes heraushören und Neues entdecken.3 In einem Artikel der New York Times wird Girl Talk’s Musik so dargestellt, dass sie eine juristische Anklage herausfordern muss.4 Gillis nimmt in Anspruch das Prinzip des fair use.5

Obwohl die Mash-Ups von Girl Talk sehr unterhaltsam und technisch gesehen Meisterwerke sind, werden sie doch nicht zu einem späteren Zeitpunkt für weiterführende Mash-Ups verwendet werden, da sie selbst schon solche sind. Um Reynolds zu zitieren: „There are no ghosts in this machinery.“6

(nana)


  1. Wikipedia. http://en.wikipedia.org/wiki/Girl_Talk_(musician) (Abgerufen am: 25. November 2013)
  2. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 359.
  3. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 360.
  4. New York Times. http://www.nytimes.com/2008/07/20/magazine/20wwln-consumed-t.html?partner=rssnyt&emc=rss&_r=0 (Abgerufen am: 25. November 2013)
  5. Wikipedia. http://en.wikipedia.org/wiki/Fair_use (Abgerufen am 25. November 2013) Wikipedia. http://en.wikipedia.org/wiki/Girl_Talk_(musician) (Abgerufen am: 25. November 2013)
  6. Reynolds, Simon: Retromania. Pop Culture’s Addiction To its Own Past. New York: Faber & Faber, 2011; 360.

Shaggy – „Angel“

47 Samples soll Shaggy in seinen Songs verwendet haben.1 Worin liegt jedoch die Attraktivität dieser Methode? Nun vorteilhaft an Samples ist, dass sie sich im digitalen Zeitalter leicht vom Original isolieren, neu einbauen und loopen lassen. Von grossem Nutzen kann zudem die Beliebtheit des originalen Stückes sein, an welches sich der neue Song anlehnt. Ebenso entfällt die Arbeit, das verwendete Bruchstück selbst aufzunehmen. Der grosse Nachteil dabei ist die rechtliche Frage nach der Urheberschaft: Was darf unter welchen Bedingungen wiederverwendet werden, und wie werden die ursprünglichen Interpreten entschädigt?

Shaggy bedient sich dieser Methode des Öfteren jedoch ganz bewusst. Im Song „Angel“ greift er nämlich gleichzeitig auf zwei Lieder zurück2: Das harmonische Bassgitarrenriff einerseits stammt vom Song „The Joker“ (1973) der Steve Miller Band. Die Melodie des Gesanges, sowie die besondere Betonung auf „Angel“ im Refrain, stammen hingegen von dem Lied „Angel of the Morning“ (1967) von Evie Sands.

[youtube width=“560″ height=“315″]http://www.youtube.com/watch?v=XWJrPzAUzAs[/youtube]

[youtube width=“420″ height=“25″]http://www.youtube.com/watch?v=89QliWlKHGY[/youtube]

[youtube width=“420″ height=“25″]http://www.youtube.com/watch?v=drm29EmXjW0[/youtube]

Den Einfall für den Song hatte Shaggy angeblich als sein zweiter Sänger „Rik Rok“ während einer Aufnahme das Lied „Angel of the Morning“ singend ins Studio kam.3 Shaggy profitiert nun davon, dass die beiden älteren Songs dieselbe Akkordabfolge haben, was „Angel“ gleichzeitig zu einer Hommage an beide Songs macht.

Mit der Musik verhält es sich demzufolge teilweise wie in der Literaturwissenschaft, denn „[j]eder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.“4 Texte (von lat. Textus „Gewebe“) wie auch Lieder haben letztendlich also immer eine Vorgeschichte mit welcher sie sich mehr oder weniger explizit auseinandersetzen. Die Verwendung von Samples ist somit ein hörbarer Brückenschlag zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

(mwu)


  1. http://www.whosampled.com/search/?q=shaggy
  2. http://www.whosampled.com/Shaggy/Angel/
  3. http://www.songfacts.com/detail.php?id=1241
  4. Julia Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman. In: Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergebnisse und Perspektiven. Bd. 3: Zur linguistischen Basis der Literaturwissenschaft II. Hg. v. Jens Ihwe. Frankfurt a.M.: Athenräum, 1972, 345-375. S. 348.

Negativland – „U2“ (1991)

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Titelbild der Single "U2" von Negativland

Diese Single oder EP der experimentellen Band Negativland kam 1991 in die Läden, das Titelbild geziert mit einem Spionageflugzeug, sowie der täuschenden, grossen Aufschrift U2 und nur ganz klein geschrieben Negativland. Später wurde argumentiert, dass dieser Umstand der Grössenverhältnisse der Schrift, Fans der Band U2 dazu verleitet werden, die EP zu kaufen in dem Glauben, U2 habe eine neue Platte herausgebracht.[1]

 

Auf der EP waren zwei Tracks zu finden, wobei beide den gleichen Titel trugen: „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“. Der erste Track war ein A Capella Mix von 1991 (7:15), der zweite ein Special Edit Radio Mix (5:46).[2]

Bei der Schaffung der Tracks bedienten sich Negativland der Collagen- und Samplingtechnik.[3] Die Tracks bestehen einerseits aus Aussschnitten aus dem Originallied als auch Aufnahmen der Radiosendung „America’s Top 40“ sowie Outtakes des Moderators der Sendung, Casey Kasem, der sich über alles Mögliche beklagt und beschwert.[4]

Negativland hat nicht nur den Titel des bekannten U2 Songs genommen, sondern auch die Melodie und Teile des Textes in ihre Version einfliessen lassen.

[youtube]http://youtu.be/xqse3vYcnaU[/youtube]

So hört man am Anfang des ersten Tracks, welcher oben via Youtube gehört werden kann, Bono (Sänger von U2) das Originallied singen, doch nur im Hintergrund, während im Vordergrund fragende Kommentare darüber gesprochen werden. Auch später kommt die Melodie des Originals wieder zum Zuge. Ausserdem wird immer wiederholt, dass jemand nach etwas sucht, dies aber einfach nicht finden kann (zum Beispiel: ‚And I still haven’t found it. What I’m looking for, that is. I just don’t know where the Hell it is… I just can’t seem to find it.’), was wiederum eine klare Anspielung auf den Titel des Tracks ist.

[youtube]http://youtu.be/dV3hfdf01Xc[/youtube]

Beim zweiten Track, der oben als via Youtube gehört werden kann, erklingt zuerst die Stimme von Casey Kasem, was das Ganze wie eine ganz normale Radioshow klingen lässt. Aber dann verliert dieser den Faden und in diesem Moment beginnt die Musik in den Vordergrund zu treten. Es folgen weitere Aussagen von Kasem, wie zum Beispiel das im ersten Track oft wiederholte „That’s the Letter U and the numeral 2“, sowie dem peinlichen Moment, wo Kasem sagt: „… this is bullshit, nobody cares… these guys are from England, and who gives a shit?!“. Er spricht dabei über U2, die aber nicht aus England stammen, sondern aus Irland. Ein grober Schnitzer für einen Radiomoderator.

Wie zu vermuten war, führte die schamlose Anspielung auf U2 (sowohl auf dem Titelbild als auch in den Tracks), sowie die unerlaubte Benutzung von Ausschnitten aus „America’s Top 40“ und den Outtakes des Moderators, zu einem Rechtsstreit.[5] Nach einem langen Kampf um den Erhalt ihrer EP, mussten Negativland schliesslich ihre Single zurückrufen und zerstören.[6] Deswegen kann man diese Single heutzutage nirgends mehr kaufen und sie ist dadurch zum Sammlerobjekt geworden. Einige Jahre später brachte die Band ein Magazin mit CD unter dem Titel „The Letter U and the Numeral 2“ heraus, worin sie ihren Konflikt, der über die Single „U2“ entstanden war, genauestens erklärten (aus ihrer Sicht). Das Magazin war in limitierter Auflage nur kurze Zeit auf dem Markt und geriet wiederum ins juristische Schussfeld.[7]

Alles in allem wird gesagt, dass diese Tracks die Besten der Band sind, mit ihrer Parodisierung und ihrem Humor, der nicht bei jedem gut angekommen ist.[8]

(nana)

Quellen:

[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Negativland (Abgerufen am: 19.11.2013)

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/U2_(EP) (Abgerufen am: 19.11.2013)

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Negativland (Abgerufen am: 19.11.2013)

[4] http://www.allmusic.com/album/u2-mw0000272341 (Abgerufen am: 19.11.2013)

[5] http://deuceofclubs.com/write/negativl.htm (Abgerufen am: 19.11.2013)

[6] http://www.allmusic.com/album/u2-mw0000272341 (Abgerufen am: 19.11.2013)

[7] http://en.wikipedia.org/wiki/The_Letter_U_and_the_Numeral_2 (Abgerufen am: 19.11.2013)

[8] http://www.allmusic.com/album/u2-mw0000272341 (Abgerufen am: 19.11.2013)