Kunst Halle Sankt Gallen

Exkursion vom 16.04.2016

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Biegt man vom Hauptbahnhof St. Gallen südwestlich in die Davidstrasse ein, steht man alsbald vor einem langgezogenen Ziegelgebäude in dem sich 2004 die Kunst Halle Sankt Gallen einquartiert hat. Das neongrüne Bratwurst-Logo – eine Übersetzung von Warholes banana oder eine Anspielung auf die berühmte OLMA-Bratwurst? – lächelt dem Fussgänger süffisant entgegen. Das Gebäude diente der Stadt St. Gallen ehemals als Lagerhaus, das, obwohl als reiner Zweckbau konzipiert, durch die historistische Prunkfassade architektonisch als «Kathedrale des Warenumschlagplatzes»[1] präsentiert wurde. Den Ausstellungsräumen der Kunsthalle – der «kleinsten der grösseren Institutionen für Gegenwartskunst in der Schweiz»,[2] wie sie sich selbst bezeichnet – sieht man ihren Ursprung noch immer an. Der alte, roh belassene Steinboden weist Schleifspuren auf, gelbe Markierungen deuten auf die Warenmengen hin, die sich einst in diesen Räumen stapelten. Dagegen bilden die weissen Wände einen Kontrast, der den Werken die geeignete Bühne gibt.

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Betritt man den vorderen Raum steht man unvermittelt vor den grossformatigen Malereien der Zürcher Künstlerin Nora Steiner (*1981). Ihr siebenteiliger Werkzyklus Totale zeigt dunkle, schwungvoll gemalte Kreise, die die Künstlerin mit grobem Pinselstrich aufgetragen hat. Auf die mit einer aufwändigen Kreidetechnik grundierten Leinwände trug sie Schicht für Schicht Farbe auf, bis sich die einzelnen Lagen zu einem deckenden Schwarz vermengten. Die Farben mischte sie nach einer altmeisterlichen Rezeptur aus der Renaissance – es handelt sich um spezielle Pigmente in den Farben Pink, Dunkelblau, Orange und Dunkelgrün, die sich lasierend übereinanderlegen.

Die Systematik, mit der Nora Steiner ans Werk ging, ist grundlegend für ihre Arbeit. Auf einem kleinen Hocker stehend zog sie die Kreise vom Zentrum beginnend mit der Hand nach aussen. Das quadratische Format der Bilder ergab sich aus der Körpergrösse der Künstlerin – denn um die Kreise ziehen zu können, durfte es die Spannweite ihrer Arme nicht überschreiten. Bei der Überlagerung der Farbschichten verfällt Nora Steiner hingegen in keinen wilden Gestus, sondern macht jeden Pinselstrich, bedingt durch die Selbstbeschränkung in Farbe, Format und Maltechnik, zu einem Teil eines wissenschaftlich-malerischen Experiments. Analog zu wissenschaftlichen Studien geht sie methodisch präzise vor. Sie setzt ihre Malerei stets gleichbleibenden Bedingungen aus, um auf diese Weise mit ihren Bildern in einen Dialog zu treten, durch den sie sich mittels Verdichtung und Auflösung demjenigen astronomischen Phänomen nähert, das ihrer Arbeit zugrunde liegt: Dem schwarzen Loch.

Schwarze Löcher weisen eine derart starke Gravitation auf, dass aus ihrem Raumbereich keine Materie und auch kein Lichtsignal nach aussen gelangt[3] – schwarze Löcher existieren daher, ohne dass man sieht, dass sie existieren. Nora Steiners Interesse an derartigen astronomischen Phänomenen liegt somit ein Interesse am Nicht-Darstellbaren zugrunde. Sie unterwirft ihre Malerei dem Experiment und deutet durch die Sichtbarmachung des Malprozesses auf eben diese Nicht-Darstellbarkeit hin. Die Überlagerungen der lasierenden Farben ergeben die Farbe Schwarz als blinden Fleck in ihren Werken. Blind deshalb, weil physikalisch gesehen Schwarz durch die totale Absorption des Lichts erzeugt wird, ähnlich der Beschaffenheit von schwarzen Löchern. Maximale Gravitation wird durch die maximale Absorption malerisch ausgedrückt.

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Das Experiment ist ebenfalls ein wichtiger Teil in den Werken der deutschen Künstlerin Anna Witt (*1981), welche in den hinteren Räumen der Kunst Halle Sankt Gallen ausgestellt werden. In einer spezifisch für die Ausstellung realisierten Videoinstallation mit dem Titel Die Suche nach dem letzten Grund zeigt sie drei Mitglieder des Debattierclubs der Hochschule St. Gallen, die Argumente und Reden zur brisanten Frage «Warum nicht über die Wahrheit sprechen» in der Promotionsecke eines städtischen Einkaufzentrums vorbringen.

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Ausgehend von einem grundsätzlichen Interesse am Körper, der durch Bewegung und Gestik auch immer Träger von Botschaften ist, rückt Anna Witt in dieser Arbeit die Rhetorik in den Vordergrund. Als eine der sieben Freien Künste, wurde die Kunst der Rede in der Antike hoch geschätzt – heute hingegen wird sie als manipulierend und weitestgehend negativ wahrgenommen. Die Teilnehmer des Debattierclubs trainieren ihre rhetorischen Fähigkeiten auf unterschiedlichen Argumentationsebenen. Im Zentrum steht dabei, dass die Debattanten einen vorgegebenen Standpunkt vertreten und überzeugend vermitteln müssen, ganz unabhängig von ihrer persönlichen Meinung.[4] Dabei verhält es sich mit dem Wahrheitsbegriff nicht anders. Indem die Debattanten im Laufe des Films versuchen, unterschiedliche Versionen von Wahrheit zu vermitteln, wird aufgezeigt, inwiefern Sprache als Machtinstrument eingesetzt, Zuhörende in ihren Handlungen beeinflussen kann. [5] Jede Version von Wahrheit ist so überzeugend vorgetragen, dass sie Formen der Allgemeingültigkeit anzunehmen scheint. In Die Suche nach dem letzten Grund wird der Betrachter Zeuge von Denkprozessen, die – sobald sie vom Debattanten geformt und formuliert wurden – gleichzeitig als gültige Version der Wirklichkeit verkauft werden. Sowohl das Einkaufszentrum als Ort des Geschehens, als auch die Studenten der weltweit für ihre Wirtschaftsausbildung bekannten HSG stehen symbolisch für diesen Prozess.

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Ähnlich wie für Nora Steiner die Malerei ist für Anna Witt der Film das geeignete Medium, um den wissenschaftlichen Ansatz in ihrer Kunst sichtbar zu machen. Anna Witts Arbeit lässt sich in die Wissenschaftstheorie des artistic research einordnen, die ähnlich zu wissenschaftlichen Methoden künstlerische Verfahrensweisen erzeugt, um Erkenntnis zu gewinnen. Die Künstlerin gleicht der Ethnografin, deren Leistung als Feldforscherin darin besteht, Gesetzmässigkeiten zu schaffen, innerhalb derer sich Dinge ereignen.[6] Die Künstlerin greift dabei nicht ein. In Die Suche nach dem letzten Grund hat Anna Witt die Rahmenbedingungen festgesetzt – sie hat den Ort bestimmt, das Thema der Debatte und die Protagonisten. Das Ergebnis der Arbeit entzieht sich dem Einfluss der Künstlerin indes, sie kann somit nur noch in die Art und Weise der Präsentation dieses Ergebnisses eingreifen.

Autorin: Miriam Koban

[1] Stadt St. Gallen, Hochbauamt, Sanierung Areal Lagerhäuser, http://www.stadt.sg.ch/home/raum-umwelt/staedtische-projekte/realisierte-projekte/baudokumentationen/bauten-2005-2008/_jcr_content/Par/downloadlist_20/DownloadListPar/download.ocFile/118_baudoku_lagerhaus.pdf, 1. Mai 2016.

[2] Kunst Halle Sankt Gallen, http://www.kunsthallesanktgallen.ch/de/ueber-uns.html, 1. Mai 2016.

[3] Pressemitteilung, Kunst Halle Sankt Gallen, http://www.kunsthallesanktgallen.ch/de/presse.html, 1. Mai 2016.

[4] Pressemitteilung, Kunst Halle Sankt Gallen, http://www.kunsthallesanktgallen.ch/de/presse.html, 1. Mai 2016.

[5] Pressemitteilung, Kunst Halle Sankt Gallen, http://www.kunsthallesanktgallen.ch/de/presse.html, 1. Mai 2016.

[6] Vgl. dazu Hal Foster, “The Artist as Ethnographer”, in: ders., The Return of the Real, Cambridge, Mass./London: The MIT Press, 1996.

Kunst Halle Sankt Gallen: http://www.kunsthallesanktgallen.ch/de

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