Tour de Suisse: Florian Germann


Untitled, 2009 Emergency generator, silver, glas, cable 81.5×82×45 cm

Normalerweise lösen Kunstwerke bei ihren Betrachtern Reaktionen aus. Bei Florian Germanns neuem Werkzyklus ist nicht nur dies der Fall, sondern seine Werke reagieren auch auf die Anwesenheit ihrer Betrachter. EMF, das Objekt, das er an den Swiss Art Awards ausstellt, ist für ihn ein „psychologisch-geologisches Objekt“. Sensoren nehmen dabei die anwesenden Personen wahr. Durch ihre Präsenz im Raum wird ein Prozess ausgelöst, der sich ins Werk übersetzt.

Inhaltliche Ausgangslage seiner künstlerischen Arbeit sind meist historische Begebenheiten, enigmatische Mythen oder wissenschaftliche Fakten. In diesem Werkzyklus setzt sich Germann mit elektromagnetischen Feldern, EMF genannt, auseinander und verknüpft diese mit Paranormalem und Pseudowissenschaftlichem, wie der Orgon-Energie. Getragen gleichermassen von der Lust am Erzählen sowie von forschender Neugierde, erschafft der Künstler ausgehend vom Thema einen Narrationsteppich, erstellt Querverweise zu anderen Themenbereichen und verknüpft diese Inhalte und Motive miteinander. Er macht unsichtbare Verbindungen sichtbar und stellt einen Denkraum zwischen Fiktion, Natur und Wissenschaft her – er betrachtet diese Felder nicht isoliert und macht ihre vermeintliche Divergenz obsolet.

EMF ist eine gross angelegte Installation und besteht aus einem kreisförmigen, beckenartigen, mit einem transparenten Gel gefüllten Objekt, das mit industriellen Apparaturen ausgestattet ist: einen Wärmesensor und einen Luftdruckkompressor, die die Energien der Umgebung wahrnehmen und in sein Kunstwerk zurückleiten. So kommt es, dass das transparente, glitschige Gel innerhalb des Beckens grosse Blasen bildet, wenn sich jemand dem Kunstwerk nähert. Durch diesen Prozess versinnbildlicht der Künstler etwas, das ihn schon länger beschäftigt – EMF. Transformation von Energie ist ein Leitmotiv in Germanns Schaffen. Auch geistige und emotionale Veränderungen können bei Menschen, gemäss Germann, „Spannungen“ aufbauen.

Sein Schaffen zeichnet sich durch eine auf den ersten Blick irritierende Vielfalt der Herangehensweisen aus, sie ist ausgesprochen prozesshaft, jedoch immer mit dem Ziel, Erkenntnis zu gewinnen und Erfahrung zu produzieren: „Der Ursprung meines Schaffens liegt immer im Nichtwissen. Um Wissen zu erlangen, mache ich Projekte: Ich kläre mich auf und kreiere eigene Verbindungen.“ Er recherchiert, untersucht unterschiedliche Materialien und stellt sie, wenn nötig, auch selbst her. Die gelartige Flüssigkeit innerhalb des Beckens produziert er eigenhändig aus einer japanischen Tiefseealge, sogenanntes Nuru-Gel, das sonst in Japan für erotische Massagen verwendet wird. „Die Materialien, die ich verwende interessieren mich; ich habe auch schon Austern gezüchtet“, offenbart er. Obwohl Germann seine Themen aus einem forschenden Blickwinkel studiert, macht er Kunst, das heisst, er lässt Assoziationen zu, verbindet Wissenschaft mit Wunder und Fiktion und erweckt widersprüchliche Gefühle – Gefallen und Irritation zugleich. Florian Germann ist ein konzeptuell arbeitender Künstler, seine Installationen sind karg, reduziert und verführen nicht mit Farbe und Fülle, aber sie regen zum Denken an. Trotz seiner konzeptuellen Arbeitsweise erschafft er handwerklich perfekte Objekte und hat einen hohen Anspruch an eine einheitliche, „monolithische“ Ästhetik.

Text: Johanna Vieli

Veröffentlicht im Rahmen der Lehrveranstaltung Tour de Suisse. Kunst und ihre Institutionen in der Schweiz, eine Zusammenarbeit zwischen dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich und dem Studienbereich Kunstgeschichte der Universität Fribourg, mit Unterstützung der Boner Stiftung für Kunst und Kultur.

Untitled, 2009 Silver coins, American walnut tree 73×103 cm

Untitled, 2009 Vulkollan, rope, carabiner 96×96 cm

Artikel auf Swiss Art Awards Journal 

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